Vor einiger Zeit hatte ich über die kopierten Terrorprognosen aus den Palmblättern des Herrn Ritter geschrieben, heute muss ich – nach dem Lesen des taz-Artikels „Der übersinnliche DAX“ und dem Folgen des Links zu den Anbietern von Esoterikmessen – mich doch noch einmal zum Thema Palmblätter äußern. Denn auch wenn es Herrn Ritter, der ja Reisen zu den Palmblattbibliotheken in Indien feil bietet, nicht unbedingt gefallen dürfte, es gibt auch so etwas wie eine deutsche Palmblattbibliothek: bei Hildegard Matheika in Mönchengladbach. Auf ihren Namen kam ich durch das Verzeichnis der „Esoterikexperten“ auf der Webseite der Esoterikmesse-Veranstalter, denn dort firmiert sie als einzige Palmblattexpertin. Und ihre (Selbst-)Beschreibung klingt schon toll:
Ich bin die erste Frau die befähigt ist Ihnen auf den Esoterikmessen, und in meiner Praxis aus einer „Originalen Palmblatt-Bibliothek“ außerhalb Indiens, zu lesen. Vor 8000 Jahren haben weise Männer, Rishis genannt, Ihr Leben genau aufgeschrieben. Auf den Palmblättern stehen Ihre Inkarnationen, Ihr jetziges Leben, Ihre jetzige Lebensaufgabe und die noch folgenden Leben. Ich lese auch aus Schicksalsbüchern, die man zu Rate zieht, wenn man in einer besonders schwierigen Lebenslage steckt. Das Lesenlassen dieser Palmblätter wird Sie im Leben immer weiter bringen und dies einfacher machen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Menschen begeistert sind, was sie in so einer Lesung erfahren. Sie lernen sich selber besser kennen und verstehen welchen Sinn ihr Leben hat.
8000 Jahre? Nun ja, die anderen Palmblattjünger übertreiben da weniger und nennen 5000 Jahre, aber auch das stimmt ja nicht so ganz, denn sie schreibt ja selbst, wie diese Blätter in ihren Besitz gelangten:
Die Bücher, die nun in meinem Besitz sind, sind nachweislich von den Jahren zwischen 1548 und 1673. Sie stammen aus Kadambohi, in der Nähe v. Mahabalipuram, von einem Nadi-Reader, dessen Nachfolge ich nun antrete und der mir nun auch die Fähigkeit, diese lesen zu können, übertragen hat.
Für Frau Matheika sind also Palmblätter aus dem 16. und 17. Jahrhundert 8000 Jahre alt … … und selbstverständlich erklärt sie nicht, warum die Vergangenheit und Zukunft ihrer Kunden gerade in diesen Blättern stehen soll. Wahrscheinlich hat sie dafür keine Zeit, denn Frau Matheika ist nämlich 200 Tage im Jahr unterwegs und bietet ihre Arbeit an
„zum Teil Kartenlegen, Lesen aus der Palmblattbibliothek, Kontakt zum Jenseits, biete Pilgerreisen an nach Lourdes, dann Deeksha-Reisen nach Bali – einfach um den Menschen zu helfen …“
Boah! Diese Frau kann ja fast alles! Und auf ihrer Webseite kommt noch viel mehr – zum Beispiel ist sie auch Meisterin der weißen Magie und kann alles Böse entfernen:
Wenn im Leben vieles danebengeht:
- Wenn Sie oft krank sind
- Wenn sich Unfälle häufen
- Wenn Sie keinen Erfolg haben
- Wenn Sie ständig gebremst werden
- Wenn häufig Entscheidungen falsch sind
- Wenn Sie nicht richtig nach vorne kommen
- Wenn Sie den Arbeitsplatz verlieren
Dann ist sehr oft die Ursache: Neid und Flüche, Verwünschungen, ein böser Blick oder sogar schwarzmagische Angriffe, die Ihnen das Leben immer wieder zur Hölle machen. Verwünschungen können über Generationen wirken. Schwarzmagische Angriffe gehen immer auf die Umgebung über, können eine ganze Familie und auch ein Firma sehr stark negativ belasten.
Das kennt man ja! Wenn’s schief läuft im Leben haben andere Schuld – und Matheika kann natürlich helfen:
In all diesen Fällen kann nur eine Expertin helfen, die in das Geheimnis der weißen Magie eingeweiht ist und die Kräfte besitzt um diese Angriffe und die negativen Kräfte erfolgreich abzuwehren, die neue positive Kräfte freisetzt und das Leben wieder lebenswert macht.
Matheika, die Expertin für die Abwehr alles Bösen!
Seit mehr als 2 Jahrzehnten studiere ich die Geheimnisse der Weißen Magie und der Schutzmagie. Mit den starken Kräften, die durch meine Hände fließen (wissenschaftlich erforscht) kann ich sicher auch Ihnen helfen.
Wissenschaftlich erforscht? Aha! Und wie war das Ergebnis? Hat sie den Randi-Preis gewonnen? Natürlich nicht, aber wenn – wie in den Zeiten der Finanzkrise ja durchaus üblich – die Gier nach Geld als „negativ“ zu bewerten ist, dann kann Matheika sicher helfen … … denn ihre Hände haben die Kraft zu nehmen – bevorzugt Bares aus dem Portemonaie der Kunden!
Sie werden sich wundern, wie schnell Sie von allem negativen befreit sind und ein neues glückliches und erfolgreiches Leben beginnt.
Klar, Matheika opfert sich und nimmt das negativ beladene Geld an sich. Verlogene, zynische Abzocke ist das – aber die Kunden auf den Esoterikmessen sind das ja gewohnt und haben es wohl nicht besser verdient. Wer bei der hanebüchenen Verbindung von Lourdes, weißer Magie und Palmblattbibliotheken nicht irgendwie stutzig wird, dem ist wohl nicht mehr zu helfen – hätte Matheika noch gechannelte Botschaften des Osterhasen in ihrem Repertoire, es würde kaum auffallen.
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