Labertaschenparade 2012 – Teil 2: Qualitätspresse, Heurigentheorie und Bullshitbingo

6 01 2012

Warum vermeintliche Qualitätszeitungen wie die Welt, die taz oder der Kurier aus Wien überhaupt jedes Jahr auf die Schnapsidee kommen ausgerechnet einen Astrologen oder eine Astrologin bzw. beides (!) zum Jahreswechsel zu interviewen weiß ich nicht. Für die Astrologen scheint das in jedem Fall zu bedeuten, dass man sich mit knalligen Aussagen a la “Deutschland wird Europameister” oder “der Euro wird 2012 abgeschafft” zurückhalten muss, da die gebildete Leserschaft solche Lächerlichkeiten nicht zu goutieren pflegt.

Annett Klingner durfte  am 30.12.2011 in der Welt nach Herzenslust herumsalbadern und schon am Anfang zeigen, dass ihre Formulierungskunst mit der Realität wenig kompatibel ist:

Es wird auf jeden Fall aufregend. Bis zum Frühlingsanfang besteht ein sogenanntes Trigon zwischen Pluto und Jupiter, das heißt im Horoskop bilden sie zwei Eckpunkte eines Dreiecks. Diese Konstellation bringt ganz bestimmte Energien mit sich. Pluto steht für Macht und Ohnmacht, aber auch für gravierende Änderungen, die man nicht zurückdrehen kann, und für Neuanfänge. Jupiter verkörpert wiederum das, was von Natur aus leicht fällt, er zeigt Optimismus an, aber auch Übertreibungen. Die Kombination aus beiden erklärt sich dann ja fast von selbst.

Was sich da von selbst erklären soll ist nicht nur mir völlig unklar, auch die interviewende Journalistin lag mit ihrem Tipp (“Wir sterben einen schönen Tod?”) daneben, denn Frau Klingner widersprach:

Im Gegenteil: Man fühlt sich stark und glaubt, große Veränderungen ganz leicht stemmen zu können. Wer zum Beispiel schon lange ein großes Projekt vor sich her schiebt, für den ist 2012 eine gute Zeit, das anzugehen. Später im Jahr macht uns ein Quadrat von Uranus und Pluto mutiger, ungeduldiger und rebellischer. Uranus steht für das Plötzliche, das Unvorhergesehene. Viele alte Strukturen werden dann wackeln oder in sich zusammenfallen.

Nach ihrer Meinung schließt diese herrlich schwafelige Deutung einen Euro-Crash nicht aus, aber sie würde niemals eine solche Prognose in den Raum stellen. Klar, konkrete Prognosen pflegen die Möglichkeit zu beinhalten, dass sie sich später als falsch erweisen – da sagt man doch lieber wortreich gar nichts und beschwert sich später, dass die Wissenschaft sich ja gar nicht mit der Astrologie auseinandersetzen will. Laut Frau Klingner weigerten sich “die Wissenschaftler” zum Beispiel die Ergebnisse von Michel Gauquelin zum behaupteten Mars-Effekt zu überprüfen – offensichtlich kennt sie die entsprechenden Veröffentlichungen über die durchgeführten Versuche der Replikation der Gauquelinschen Forschungen nicht, die zum Beispiel hier kurz zusammengefasst werden. Dass das außerdem mit “normaler Astrologie” nichts zu tun hat hätte Frau Klingner hier nachlesen können.

Ebenfalls in der Welt durfte Alexander Graf von Schlieffen eine Art Jahreshoroskop veröffentlichen, das in Bezug auf Nichtigkeit kaum zu übertreffen ist. So bilanziert er am Ende:

Im kommenden Jahr sind es vor allem zwei Themen, die diesen Prozess weiterhin bestimmen. Auf der einen Seite gibt es seit Jahren die Tendenz, durch immer mehr Regeln und Normen die eigene Macht zu behaupten. Diese Reglementierungen beschneiden den Handlungsspielraum beträchtlich. Es könnte sich die Frage stellen, inwieweit Prinzipienhörigkeit die Eigenverantwortlichkeit schwächt.

Dem entgegen steht ein Drang nach Freiheit und Entfaltung von Lebensursprünglichkeit. Diese Konstellation begann am 12. März 2011. Wenn nun diese zwei Kräfte in eine Konfliktspannung geraten, dann erhöht sich der Druck auf beide Themen. Es stellt sich die Frage, ob diese beiden Motive sich ausschließen müssen und somit zu Spaltung führen, was besonders politisch und wirtschaftlich brisant werden könnte. Oder gibt es eine Möglichkeit, beide miteinander in eine Gestalt zu bringen?

Kurz zusammengefasst: Gnampf! (den Link musste ich mal wieder los werden)

So richtig absurd wird es in der taz, wenn Markus Jehle bekennt, dass er nicht an Astrologie glaubt, aber dennoch für die Sitzung mit einem Kunden 150 Euro kassiert. Seine “Ausrede” gegenüber der Interviewerin “Sie glauben doch auch nicht an Ihr Mikrofon.” kontert diese soueverän mit “Wenn ich etwas von Technik verstünde, dann könnte ich Ihnen erklären, wie und warum mein Mikrofon funktioniert.“. Kein Wunder, dass Jehle danach lieber wieder in den Schwurbelmodus wechselt und folgende Binsenweisheiten absondert:

Noch steht Saturn in Waage. Da kann man mit Diplomatie, aber auch Drumherumreden das Schlimmste verhindern. Aber wenn Saturn im nächsten Oktober in Skorpion wandert, dann werden schmerzhafte Einschnitte kommen. Auch, was den Wohlstand der Europäer betrifft.

2020 steht Pluto Ende Steinbock, und es beginnt mit Jupiter und Saturn gleichzeitig ein neuer Zyklus, eine neue Ordnung.

Dass er vorher – als ausgebildeter Psychologe – noch ein wenig Psychologiebashing betreibt, darum sollen sich seine Berufskollegen kümmern. Außerdem zeigt Jehle mit der Behauptung …

Im Prinzip ist die Astrologie die älteste Statistik der Welt.

… dass er auch von Statistik keine Ahnung hat – denn gerade statistische Untersuchungen zeigen ja immer wieder, dass zwischen den astrologischen Aussagen und reinem Raten keinerlei Unterschied besteht.

Der absolute Pechvogel bei den Jahreswechselinterviews mit der Qualitätspresse war aber die Präsidentin des österreichischen Astrologenverbandes Maria Luise Mathis. Sie musste sich nicht nur den Fragen der Redaktion des Kurier stellen sondern auch noch mit dem Science-Buster Werner Gruber diskutieren. Letzterem verdanke ich ein Wort, das ich sofort als neuen Fachbegriff etablieren möchte: Die Heurigentheorie! Die Definition ist – für Wiener – sehr einfach: Du sitzt im Heurigen vorm Spritzer und sagst: „Wenn’s anders wär’, wär’s anders.“ (Wer nicht weiß was ein Spritzer ist: In Deutschland nennt man das meistens Weinschorle oder – in meiner früheren Heimat – “en Schoppe”). Nicht nur die oben bereits erwähnten AstrologINNen entpuppen sich immer wieder als wahre Meister in dieser Disziplin.

Nachdem Bernd Harder dieses Streitgespräch bereits im GWUP-Blog kurz gewürdigt hat, habe ich mir mal das Astrologie-Bullshit-Bingo zur Hand genommen, das mein charismatischer Lieblingssektenführer gerade jüngst zusammengebastelt hat und versucht die Aussagen von Frau Mathis dort eingetragen. Das Ergebnis sieht so aus:

Ok, knapp daneben am erlösenden Ausruf, aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen …


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9 Antworten

8 01 2012
Klaus

zu diesen Herrschaften passt natürlich auch folgender:
http://www.wahrheiten.org/blog/2011/01/07/glaubwuerdigkeit-der-klima-luegner-steht-auf-dem-spiel/

Wahnsinn. Ja sind wir denn im Zoo?

10 01 2012
Klaus

Die übelste Astrokeratur scheint Holger Roehlig zu sein. Mann oh Mann….
Direkt aus der Forensik entlaufen:
http://astrologieklassisch.wordpress.com/2012/01/10/zeichen-fur-das-kommende-erzbischof-hebt-alle-verbote-uber-garabandal-auf/

10 01 2012
Klaus

Die Olle ist auch gut, Wahnsinn!

http://www.astrologie.de/astrologie/b/4736/

Lesen und genießen! End of Germany, End of Eurpe, End af the World, Eigentlich, End of Alles!
Hö hö hö

10 01 2012
Klaus
10 01 2012
wahrsagercheck

@Kkaus
Die Dame gehoert zu meinen Lieblingen aus den letzten Jahren …

10 01 2012
Klaus

Die Olle ist der ultimative Prognose Wahnsinn. Aber sagen wa mal so,wie wir im Pott sagen, rein äußerlich ist nix einzuwenden. Uaaahhhhh…..
Im Gegensatz zu Holger Roehlig!

11 01 2012
11 01 2012
13 01 2012
Klaus

Schwurbel di Schwub:
Astrologen Wahrsager und Märchenerzähler aufgepasst!

Lauer Winter kann Mückenplage verhindern

Wer vergebens auf eine weiße Weihnacht gehofft hat, hat einen Trost. Wenn der Winter so lau bleibt, gibt es 2012 wahrscheinlich nur wenig Mücken!

endlich mal ne richtig gute Prognose.
Stand heute in der “WELT” !

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