Ein Astrologe beschwert sich …

6 04 2012

… aber nicht über mich, sondern über die für ihn zuständige Lokalpresse. Die Posse spielt in Görlitz. Dort wird am 22. April ein neuer Bürgermeister gewählt und in der vorbereitenden Berichterstattung der Lokalzeitung sollte auch die Meinung eines Astrologen eingeholt werden. Das ist zwar völliger Blödsinn, aber Lokalredaktionen machen das schon ‘mal (manchmal übrigens auch erst hinterher). Normalerweise lassen Sterndeuter ja solche Gelegenheiten nicht aus, da sie wissen dass die Nennung ihres Namens in der Öffentlichkeit nichts anderes als kostenlose Werbung für ihr Tun ist. In diesem Fall kam es aber ganz anders. Die Anfrage der Lokalredakteurin wurde vom Astrologen nämlich nicht beantwortet. Nicht dass der Astrologe vielleicht irgendwelche Skrupel gehabt hätte, auch war er von dem Geistesblitz, dass solche Prognosen doch eh absoluter Humbug sind, verschont geblieben – nein, er verweigerte die Antwort, weil die Redakteurin ihn, den großen Astrologen, für seine “Dienste” nicht bezahlen wollte.

Und damit auch die ganze Welt von diesem Quatsch Notiz nehmen kann machte der Astrologe die Sache öffentlich. Sein Mittel war ein offener Brief an die beiden Kandidaten für das Bürgermeisteramt. Veröffentlicht hat er seinen Sermon aber nicht in der Zeitung selbst, sondern in der Onlinepostille dieses ebenfalls in Görlitz ansässigen Herren, der in mehreren selbst verlegten Büchern die widerliche “Germanische Neue Medizin” propagiert und noch heute auf dieser einschlägigen Webseite  im Impressum zu finden ist.  In einem solchen Umfeld lässt es sich gut gegen die böse, knausrige Presse schimpfen:

[…] würden Sie Ihre Arbeit auch gratis tun, nur weil jemand es auch machen würde? Heute verlangte eine SZ-Redakteurin von mir, dass für die morgige Samstagsausgabe eine kostenlose astrologischen Prognose zur Wahl am 22.4. in Görlitzer abgebe. Aus Dresden hätten sie schon einen Astrologen, der das gratis tue. Nun, ich beschäftige mich seit 1980 professionell mit Astrologie, u.a. Hunderte von Radiosendungen, bei denen das Standardhonorar momentan bei 400 Euro liegt. Ich habe abgelehnt und erhielt darauf eine beleidigte Email der Journalistin.

Tja, die Journalistin war sicher perplex, weil der Astrologe für die kostenfreie Werbung in Form seiner Namensnennung in einem Artikel sogar noch bezahlt werden wollte. Und seine Rache ist nun schon gänzlich bizarr: Er veröffentlicht auf oben genannter Webseite einfach die Horoskope der beiden Kandidaten – ganz kostenlos! Allzu viel Zeit scheint er aber in diese “Arbeit” nicht investiert zu haben, denn die Texte tragen diesen Cpyrightvermerk:© Texte von Anita Cortesi. Offensichtlich besitzt der Mann also ein Astrologieprogramm, dass nach Eingabe von Geburtsdaten Texte liefert, die  auf dieser Werbeseite beworben werden. Und ich muss ehrlich zugeben, diese Texte sind wahre Meisterleistungen! Banalitäten und Trivialitäten – passend auf mindestens 95% der Menschheit –  werden mit einem ganz, ganz dicken Klecks Honig dem Leser ums Maul geschmiert. Lesen kann man das in Passagen wie dieser …

Sie brauchen überdurchschnittlich viel freien Spielraum im Beruf, um die eigene Kreativität, Erfindergabe und Ihr Improvisationstalent einzubringen. Ein Beruf, in dem allzu genau vorgegeben ist, was Sie zu tun haben, gibt Ihnen leicht das Gefühl, eingesperrt zu sein.

… oder dieser …

Sie haben eine weiche Ader, mit der Sie sofort spüren, was Ihr Tun bei anderen bewirkt. Oder anders formuliert identifizieren Sie sich mit Ihrer Umwelt, wenn Sie handeln. Sie fühlen fast hautnah mit, wie andere auf Ihre Aktivitäten reagieren. Dies lässt Sie das eigene Tun feinfühlig auf die Umwelt abstimmen.

… oder jener …

Um effizient lernen zu können, muss Ihre Begeisterung geweckt sein. Sie haben wenig Lust, trockenen Lernstoff zu pauken. Aber wenn eine zündende Idee Sie zum Lernen veranlasst, packen Sie den zu lernenden Stoff an, als gelte es, eine Festung zu erobern. Auf ähnliche Weise sind Sie für ein Thema entweder Feuer und Flamme und verschaffen sich in kurzer Zeit eine Menge Informationen oder es lässt Sie gänzlich unberührt.

Ist das nicht toll, dass wir alle Bürgermeisterkandidat in Görlitz sein könnten? Dabei habe ich nicht einmal nach besonders sinnfreien oder banalen Passagen gesucht – ich habe eher zufällig drei nicht allzu lange Stücke aus den beiden Horoskopen herausgenommen …

Wenigstens versucht es der Mann am Ende seines offenen Briefes (der zwar an die Bürgermeisterkandidaten gerichtet ist, sich aber am Ende eigentlich nur an die Lokalredakteurin wendet) noch mit ein wenig Humor:

P.S: Sie wünschen eine astrologische Prognose? Nun gut: Die mundane Aspektierung der Transitoren Jupiter, Uranus und Pluto in Bezug auf die Radix-Konstellationen der Lichter Sonne und Mond in den Tierkreiszeichen Widder und Stier wird den Ausschlag geben.

Äh, ja! Hätter der Mann das nicht noch mit einem …

;-)

… garniert, wäre dieser Text doch wirklich als typische Astrologenprognose durchgegangen. Seine vermeintliche Persiflage hat genau so viel Inhalt wie die Abschnitte aus den – von ihm selbst seinem Computer entlockten – “richtigen” Horoskopen: Null, Nada, Nichts, Niente, …








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