Die Benzinpumpe in der Stundenastrologie

13 05 2009

Fahren sie ein altes Auto? Eines, dass sie über die Nutzung der Abwrackprämie nachdenken lässt und das so manchmal seine Macken hat? Fragen sie sich auch bei jedem Problem mit der Kiste, ob sich eine Reparatur überhaupt noch lohnt? Falls ja, dann haben abzockbereite Sternverdeuter einen Tipp für sie: Fragen sie doch einfach einen Astrologen oder eine Astrologin! Und zwar jemanden, der/die auf Stundenastrologie abonniert ist, denn die Stundenastrologie …

„… ist eine Möglichkeit, auf wichtige Fragen des täglichen Lebens eine Antwort zu bekommenl

So zumindet liest sich die entsprechende Definition auf einer Webseite. Und dass tatsächlich Fragen nach Autos gestellt werden, das berichtet der „Astrocoach“ Emil Schmidt in Beispiel 2 auf seiner Webseite mit dem irreführenden Titel „Wissen“:

Frau X. ruft mich an. Sie hat ein Problem mit ihrem Auto. Der schon betagte Wagen ist plötzlich liegengeblieben und lässt sich nicht mehr starten. „Was ist mit meinem Auto? Ich habe gehört, dass Sie mit der Stundenastrologie auch solche Fragen beantworten können, ob ich evtl. noch viel Geld für eine Reparatur zahlen soll oder ob der Wagen auf den Schrottplatz gehört.“

Die Frage hätte wohl eher ein KFZ-Mechaniker beantworten können – warum die Dame einen Astrologen fragt bleibt unklar. Astrologen beantworten stundenastrologische Fragen ja nicht aus Jux und Dollerei – in der Regel wollen sie Bares für ihre Arbeit sehen. Herr Schmidt schweigt über seine Preise, andere sind da offener: Markus Rühl berechnet zum Beispiel 50 Euro pro Frage – und antwortet erst wenn er das Geld bekommen hat.

Ob die Frage nach der Zukunft des fahrbaren Untersatzes eher ungewöhnlich ist kann ich nicht beurteilen, aber welche Fragen vom Stundenastrologen „normalerweise“ erwartet werden zeigen verschiedene Webseiten, z.B. die Folgende:

  • Soll ich mich um einen neuen Arbeitsplatz bewerben?
  • Soll ich meine Beziehung beenden?
  • Kann aus der „Neuen Liebe“ eine dauerhafte Partnerschaft werden?
  • Ist das ein guter Zeitpunkt für eine erfolgreiche Geschäftseröffnung

oder auch

  • Bekomme ich den Job, auf den ich mich beworben habe?
  • Soll mein Kind die Schule wechseln?
  • Soll ich die Reise machen?

…bis dahin der allgemeine „Nimm mir die Verantwortung ab“- Quatsch, von dem man sich täglich via Astro-TV den Glauben an die menschliche Intelligenz abgewöhnen lassen kann. Schon seltsamer sind  die folgenden Themen:

  • Verbleib von Gegenständen – verlegt, verloren oder gestohlen
  • Vermisste Haustiere
  • Gerichtsverhandlungen – Prozesse – außergerichtliche Einigungen

Da wird also tatsächlich behauptet, dass der Astrologe aus den Sternen Hinweise darüber gewinnen kann, ob ein Gegenstand verloren oder gestohlen wurde … … aber es geht noch abgedrehter, und hier wird’s langsam gefährlich:

  • Auch bei krankheitsspezifischen Fragen kann ein medizinisches Stundenhoroskop ihnen weiterhelfen.
  • Das ist schlicht und einfach Quatsch! Glaubt Dagmar Kirn-Hengstenberg diesen gemeingefährlichen Unsinn tatsächlich? Bleibt nur zu hoffen, dass die Kunden den Hinweis, dass eine solche astrologische Beratung keinen Besuch beim Arzt ersetzen kann, auch wirklich ernst nehmen. Der mit seiner Mailadresse verlinkte Astrologe Bernhard Bergbauer, der sich auf seiner Webpräsenz über diese Art der „Schicksalsmedizin“ auslässt, kommt jedenfalls ohne diesen Hinweis aus und verlangt laut Preisliste 125 Euro für die Beantwortung einer solchen Frage.

    So richtig lächerlich wird die gesamte Stundenastrologie, wenn man sich anschaut, wie es funktionieren soll. In der Stundenastrologie manifestiert sich der Allmachtswahn des anbietenden Astropraktikers, denn analysiert wird nicht irgend eine Geburtszeit (des Fragenden, des Autos oder des vermissten Haustieres) – StundenastrologINNen versuchen

    aus dem Horoskop für den Augenblick, in dem eine Frage gestellt wird, eine Antwort auf diese Frage zu erkennen.

    Es wird also quasi die „Geburtszeit der Frage“ benötigt – und die definiert sich glücklicherweise durch den Augenblick, an dem man die Frage dem Astrologen stellt an dem der praktizierende Stundenastrologe diese Frage gestellt bekommt (ein kleiner aber feiner Unterschied!). So erklärt das zumindest diese Webseite:

    Am verlässlichsten ist der Zeitpunkt, an dem einem ein Problem zum ersten Mal richtig klar wird. Da sich die meisten Fragen aber „schleichend“ entwickeln ist der beste Moment, der Augenblick, in dem diese Frage dem Astrologen gestellt wird, d.h. wenn der Astrologe den Brief öffnet. Im Zeitalter des Internet heisst dies: Der Zeitpunkt, wenn der Astologe die Mail liest und in Kontakt mit der Frage kommt

    Fantastisch! Der Astrologe bestimmt also selbst den zu deutenden Zeitpunkt. Selbst wenn man an irgendeine Macht der Sterne zu glauben gewillt ist – die Stundenastrologie erfordert zusätzlich den Glauben an die Unfehlbarkeit der Sternenschwurbler. Da kann die Antwort eben auch mal von der göttlichen Verdauung der Astropraktiker abhängen, wenn sich die Beantwortung einer Frage wegen eines Toilettenbesuchs verzögert. Natürlich werden diese Dienste auch von AstrologINNen bei Questico angeboten, dort gibt es ja jeden nur erdenklichen Quatsch.

    Aber es funktioniert natürlich! Hervorragend sogar. Und selbst wenn die stundensatrologische Lehre davon schwafelt, dass in manchen Fällen gar keine Antwort möglich ist … … unser Astrocoach Emil (der scheint tatsächlich den Titel Dipl.-Math. führen zu dürfen – eigentlich eine Schande für dieses ehrenwerte Studienfach) lässt sich von solchen Hindernissen nicht beeindrucken und findet trotzdem eine Antwort:

    Frage gestellt am 5.8.1988, 16.10 Uhr MESZ, Köln (6.59 o / 50.56 n).
    Es ist eigentlich zu spät für eine Antwort, weil nach einer alten stundenastrologischen Regel bei Aszendenten auf den letzten drei oder den ersten drei Graden in einem Zeichen keine Antwort möglich ist (hier AC auf 29,5 Grad im Skorpion). Doch lassen mich das exakte Trigon des ‚void of course’ – Mondes (Leerlauf-Mond, also kein klassischer Aspekt mehr vor Zeichenwechsel) zum MC und das applikative (noch entstehende) Trigon des Mars zur Sonne (grundsätzlich ein gutes Zeichen) als Hauptsignifikator für die Fragestellerin aufhorchen. Mars steht gut im eigenen Zeichen Widder im 4. Haus, nach indischer Deutung dem Haus für das Auto (das fahrende Heim). Das Quadrat von Mars zu Neptun deute ich als Kontaktunterbrechung (Quadrat) der Kraftstoffzufuhr (Neptun steht für Gase/hier Benzin) und Mars für die Kraft.

    Jawoll! Und er hatte sogar richtig geraten:

    Nach der Analyse des Stundenhoroskops gebe ich am nächsten Tag meine Entscheidung bekannt: „Die Energiezufuhr scheint unterbrochen zu sein. Lassen Sie mal nach Verbindungen zwischen Benzinpumpe und Vergaser schauen.“ Wieder einen Tag später kommt ein erfreuter Rückruf: „Der Schlauch zur Benzinleitung war abgesprungen. Er fährt wieder!“

    Schön, dass das Auto wieder fährt. Aber ein Mechaniker hätte dieses Problemchen binnen Minuten analysiert und behoben – ohne Sternenbrimborium, denn das war für die Reparatur absolut unnötig.
    Herr Schmidt scheint übrigens sehr stolz auf diesen Glückstreffer aus dem Jahr 1988 (!!!) zu sein – warum sonst würde er ihn auf seiner Webseite heute noch so breittreten? Vielleicht liegt es ja daran, dass er aus seiner langjährigen Praxis außer den paar auf seiner Webseite  geschilderten Ratetreffern schlicht und einfach nichts vorzuweisen hat.

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    9 responses

    14 05 2009
    Elke

    Wenn man die Basisvoraussetzung von Esoterikern betrachtet, dass es keinen Zufall gibt und dass aufgrund des „Gesetzes der Anziehung“, jeder immer nur das erntet, was er gesät hat, dann gibt es keinen einzigen Scharlatan und auch keine Lüge. Somit können auch Aussagen der Stundenastrologie nur der Wahrheit entsprechen, weil der Fragende die Antwort erhält, die er angezogen hat 🙂 Mit diesen beiden Voraussetzungen lässt sich alles rechtfertigen, wenn man daran glaubt 🙂

    25 05 2009
    Anke Huber

    Ich kann nicht verhehlen, dass ich Astrologin bin, als Hobby aber nur.
    Allerdings habe ich so viel eingesehen, dass Prognose in der Astrologie Unfug ist.

    Und dennoch sehe ich, dass Stundenastrologie möglich ist, und dass Synchronizitäten stattfinden.
    Jedes Ereignis fügt sich in einen gewissen Rythmus , in einen für den Ausgang der Sache entscheidenden , sozusagen vorgesehenen (ist nicht dasselbe) Handlungsablauf.
    Eine Fragestellung korrespondiert mit diesem Ablauf, weil ein Bezug aufgestellt wird.
    Letztlich wird man das nur als Astrologe/in verstehen, WARUM das funktioniert.

    Ich glaube überdies, dass viele Stundenastrologen grottenschlecht sind und ihr Handwerk weder hinterfragen, noch wirklich verstehen.
    Selbst mit meinem laienhaften Verständnis wird mir das klar, weil ich eigentlich Kartenlegerin bin.

    Ich danke Ihnen für diese Seite, weil die unsinnigen Prognosen der Astrologie wirklich mal getestet werden.
    p.s.: Zu begrüßen wäre aber auch etwas weniger Polemik
    Anke H

    25 05 2009
    wahrsagercheck

    Hallo Frau Huber,

    vielen Dank für ihren Kommentar!
    Sie schrieben:

    Letztlich wird man das nur als Astrologe/in verstehen, WARUM das funktioniert.

    Das WARUM interessiert mich eigentlich gar nicht, sondern vielmehr die Fragen ob’s „funktioniert“ oder nicht. Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lohnt es sich nach dem WARUM zu fragen. Allerdings verschwinden alle „Treffer“ der Astrologen immer genau dann, wenn man z.B. im Rahmen eines Tests die bekannten psychologischen Einflüße (Cold Reading, Bestätigungstendenz, Selektive Erinnerung, Selbsterfüllende Prophezeiung, etc.) ausschließt. Das ist schon sehr oft passiert und mich wundert insbesondere, dass selbst die an der Konzeption und Durchführung solcher Tests beteiligten Astrologen diese (ihre eigenen) negativen Ergebnisse immer wieder ignorieren.

    6 09 2010
    Empfehlung

    Es empfiehlt sich sich besser an den wahren Astrologen zu orientieren, Bueno de Mesqita ist so einer und damals hätte die USA Regierung gut daran getan seine Warnungen bez. WTC Katastrophe ernst zu nehmen. Das bedeutet es gibt tatsächlich Leute die Tendenzen richtig berechnen un deuten können und das Astrologie keineswegs Unfug ist. Man sollte sich zu fachlichen Dingen übrigens nur äußern, wenn man die Materie kennt und verstanden hat…und Sie sind def. kein ausgebildeter Astrologe !!!

    6 09 2010
    Empfehlung

    Noch was: allein, daß sie Astrologie und Wahrsagerei in einen Topf werfen spricht schon von unglaublicher Unkenntnis und Dummheit. Solange Sie nicht mal diesen kleinen aber wichtigen Unterschied hinbekommen…..

    6 09 2010
    wahrsagercheck

    @Empfehlung
    Haben sie – außer Beleidgungen – auch Argumente zum Thema anzubieten?

    6 09 2010
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    deshalb meinen Rat an Sie Herr Kunkel : nehmen Sie in die linke Hand das Schäufeli, in die Rechte das Beseli, dann haben Sie 1. keine Hand mehr frei auf andere mit den Fingern zu zeigen , aber ausreichend Werkzeug vor Ihrer eigenen Tür zu kehren…….und ich glaube da gibts so einiges auf zu räumen !

    6 09 2010
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    wer lesen kann ist klar im Vorteil.

    7 09 2010
    Ludwig Thoma

    und wer denken kann…

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