Joghurtstudien

10 08 2009

Im März hatte die Verbraucherorganisation foodwatch den Goldenen Windbeutel für die dreisteste Werbelüge an den Marktführer im Geschäft mit probiotischen Joghurts verliehen. Dass da intensiv mit wissenschaftlichen Studien geworben wird ist nichts Neues, seit einiger Zeit darf sich in einem Werbespot sogar ein junger Mensch als Teilnehmer einer Studie outen und strahlend verkünden, dass er die Joghurtplörre (sorry, das Zeugs schmeckt mir einfach nicht!) inzwischen freiwillig jeden Tag aus den kleinen Fläschlein nuckelt. Aber warum blenden die bloß immer zusätzlich noch etwas klein Gedrucktes ein? Dort liest man dann irgendetwas von „im Rahmen einer gesunden Lebensführung“ und ich frage mich dann immer, warum ein Mensch mit einer gesunden Lebensführung überhaupt noch irgendwelche zusätzlichen „Hilfsmittel“ brauchen soll …

Inzwischen ist in „Service Gesundheit“ auf wdr5 ein kurzer Bericht zum Thema Studien zu probiotischen Joghurts (zum Nachhören hier) erschienen, und die wissenschaftlichen Ergebnisse scheinen – im Sinne der probiotischen Joghurts wohlwollend ausgedrückt – zumindest zweifelhaft.

Ob die Qualität der Studien, auf die sich der Hersteller beruft, wirklich so schlecht ist, wie das der Wissenschaftler im Bericht erwähnt lässt sich übrigens für einen Laien wie mich nicht direkt nachprüfen: Actimel hat lediglich die Abstracts verschiedener Studien verlinkt,  und dort kann man – wennn man sich von unten nach oben hangelt – zunächst mal lesen, dass bei Ratten, Ratten und Mäusen irgendwelche Effekte zu beobachten sein sollen. Schaut man in die Abstracts der  als „Beweis“ angegebenen klinischen Studien, so werden die Fragezeichen nicht kleiner. In einer doppelblinden und placebo-kontrollierten Studie wurden 135 Senioren (Durchschnittsalter 74) untersucht, die mit Antibiotika behandelt wurden. Dass in der Probiotikgruppe nur 7 von 57, in der Placebo-Gruppe jedoch 19 von 56 Testteilnehmern an Durchfall erkrankten (und damit ein signifikantes Ergebnis erzeugten) ist durchaus interesant, aber mich würde auch interessieren, was mit den restlichen 22 Personen aus dem Test passierte und ob bzw. warum diese Studie die Werbeaussagen rechtfertigen kann wenn ich keine Antibiotika nehme. In einer anderen Studie, in der es ebenfalls um Durchfall ging, steht sogar im Abstract, dass sich ein Unterschied lediglich bei der „stool consistency“ ergab – was diese „Ausscheidungskonsistenz“ mit den Werbeaussagen (gestärkte Abwehrkräfte!) zu tun haben soll erschließt sich mir nicht. Nach einer weiteren Studie kommen etwa die Hälfte der mit dem Joghurt eingenommen Lactobacillus casei DN-114 001 im Darm an, mehr als ein Viertel verlässt diesen jedoch auch wieder. Bei 2 anderern Studien war die Anzahl der Probanden recht gering (12 gesunde Personen bzw. sieben Freiwillige), so dass man die vollmundigen Versprechungen wohl kaum damit begründen kann. Zumindest kann ich mir das nicht vorstellen, aber vielleicht kann das jemand vom Fach erklären, der nicht unbedingt auf der Lohnliste der Joghurtproduzenten steht.

Aber was soll’s, das Ganze ist Werbung! Und wer diesen Aussagen blind vertraut, der hat eh nix kapiert. Gleich zu Beginn des wdr5-Beitrags weisen die Autoren übrigens darauf hin, dass schon vor hundert Jahren Joghurt mit Bildern von „steinalten bulgarische Bauern“ beworben wurde – heute muss eben die Wissenschaft herhalten und man nutzt – durchaus geschickt – aus, dass die meisten Konsumenten über Wissenschaft ebenso viel wissen wie damals über bulgarische Landwirte.

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One response

15 08 2009
Horst

Was ich schlimm finde ist, dass Organisationen wie Foodwatch zwar Produkte wie Actimel anprangern, dabei aber immer wieder deren Aussagen stützen. Dort heißt es dann, dass Actimel zwar das Immunsystem unterstützt, aber das tut jeder andere Joghurt auch. Und genau das tut eben weder Actimel noch ein anderer Joghurt. Hier betreibt Foodwatch also keine Verbraucheraufklärung sondern setzt die Verdummung fort.

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