Homöopathische Überdosis – britische Glaubulistin macht Verbesserungsvorschläge

2 02 2010

Am Samstag hat die 10:23 Campaign – eine Gruppe britischer Skeptiker, die der Öffentlichkeit mit dem packenden Slogan „there’s nothing in it“ die Wahrheit über die Pseudomedizin der Verdünnungsschüttlungsfetischisten erklären will – den Versuch gewagt, sich mittels einer homöopathischen Überdosis zu vergiften. Inzwischen gibt es auf YouTube einige Videos dieser Aktion (z.B. Southhampton, Leicester, BrightonLeeds …) und auch australische Skeptiker sorgten am Samstag für einen unerwarteten Umsatzzuwachs irgendwelcher Hersteller homöopathischer Globuli, wie nicht nur ein Video aus Sydney zeigt. Jetzt hat auch Spiegel-Online die Kampagne erwähnt und seither tobt die bei diesem Thema übliche und unvermeidliche Kommentarschlacht mit den bekannten Argumenten von „Alles Unsinn“ über „Mir hat’s aber super geholfen“ bis zu hanebüchenen Erklärungsversuchen mit allerhand unpassenden Beispielen (… incl. Beschimpfen der Schulmedizin und falsch verstandener Studien zur Akkupunktur).

Wie der Skeptical Letter Writer berichtet wurde das Event in London auch von zwei Homöopathinnen besucht, die sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen wollten. Louise McLean ist eine von ihnen und hat auch eine „Erklärung“, warum dieser Versuch von vorne herein so gar nicht funktionieren konnte:

Of course homeopaths know that one dose of however many pills taken together in one go, is the equivalent of only one dose, because it is the time frame that counts.

Ich gebe zu, dass ich dieses Argument zum ersten Mal gelesen habe. Wieviele Globuli bei einer Dosis geschluckt werden ist also egal? Das hat mir eine streng homöopathische Ärztin vor gut zwei Jahren auf einer Fete aber ganz anders erklärt. Ich hatte bei ihr fast einen Herzkasper ausgelöst, weil ich von den von ihr für eine Freundin mitgebrachten Zuckerkügelchen („Aber nicht mehr als drei pro Tag, die sind ziemlich hoch potenziert“) eine ganze Handvoll heruntergewürgt hatte … … sie beobachtete mich für den Rest des Abends, war ehrlich besorgt und erklärte das Ausbleiben jeglicher Wirkung am Ende mit den üblichen Phrasen: Dieses Mittel würde eben bei mir nicht ansprechen … …da müsste man erst mal eine genaue Anamnese … … und überhaupt wirken Homöopathika nicht, wenn man Wein oder Bier trinkt … … aber zurück zur Erklärung von Louise McLean:

So if they had repeatedly taken a dose every hour for the rest of the day, the skeptics would most certainly have felt the effects.

Für diesen Vorschlag muss man der Frau ja fast schon danken, denn es ist eine sehr schöne Idee für die nächste Aktion. Skeptiker treffen sich um 12:00 Uhr und nehmen dann für die nächsten 12 Stunden alle 60 Minuten ein Kügelchen ein –  für die Zeit zwischen den Einnahmen könnte man ein paar sinnvolle Vorträge und vielleicht ein kleines Kulturprogramm einplanen, dazu ein paar nette Gespräche unter Skeptikern … … da wär‘ ich doch sofort dabei!

Therefore this little stunt ‘proves’ little, although I wouldn’t be surprised if some of them sheepishly confess that they did experience some symptoms later, because after taking a homeopathic remedy, especially 30c or above, the effects can be felt for days afterwards.

Ach, man muss erst ein paar Tage warten, bis sich die Wirkung einstellt? Hmm – das könnte natürlich auch der Grund für die nicht funktionierende Überdosis sein: Die Skeptiker haben zwischen der Einname des Mittels und der Wirkung ein paar Tage später möglicherweise eine der vielen Regeln verletzt, die laut Hahnemann’s Organon die Wirksamkeit der Homöopathie verhindern können. Welche das so alles sind hatte ich ja schon in meinem Beitrag über die Homöopathiestadt Köthen zitiert …

PS: Der Skeptical Letter Writer hat Louise McLean übrigens per Mail herausgefordert: Es geht um eine 5.000 Pfund-Spende für die Opfer des Erdbebens in Haiti …


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8 responses

2 02 2010
sayadin

Na ja, die klassische Medizin kommt da auch nicht besser weg. Wenn selbst Placebooperationen gute Ergebnisse haben dann ist die klassische Medizin auch nicht besser. Aber sie ist teuer als jeder Wahrsager. Was in die eine Richtung geht, geht auch in die andere.

3 02 2010
Thierbach

Ja, ja, ja:
Die etablierte Medizin wirkt auch nicht immer, das bedeutet also Homöopathie wirkt?
Geh, und mach ’nen Logikkurs!

3 02 2010
sayadin

Die Logik ist ne Hure die sich jedem gemein macht. Ich gehe nicht zu Huren, die sind mir zu teuer.

4 02 2010
Badrobot

Ähm, was nimmt den ein HP so die Stunde?

Denke so unter 75€ geht da wohl wenig, oder?

Für die ach so wichtige Erstannamnese gehen doch schnell mal drei Stunden drauf.

Und hundert Gramm Glaubulis kosten auch mehrere hundert Euro.

Recht teuer für etwas Zucker…

Seriöse Studien konnten keinen Kostenvorteil der HP feststellen.

Aber der Wohlfühlfaktor war natürlich höher.

4 02 2010
Pepsi

Und Akupunktur kommt von Akku auf eurer Seite. Mehr muss man über eure Qualitäten gar nicht schreiben🙂

4 02 2010
wahrsagercheck

@Pepsi
Oh ja – vertippt! Kann ja mal vorkommen … … ich schwöre, dass ich nicht abgeschrieben habe: http://www.misterinfo.de/publish/beauty-und-gesundheit/alternative-medizin/akkupunktur-bei-migraene-lindert-ihre-beschwerden

4 02 2010
sayadin

Mediziner schütten Medikamente, von denen sie wenig wissen in Patienten von denen sie noch weniger wissen.
Ich halte auch nix von den Homöopathen, aber Schaden wirds auch nicht. Und wenn die Leute meinen das sie davon gesund geworden sind, um so besser.
Sehr viele Medikamente sind auch gut und wirksam.
Aber die Pharmaindustrie ist doch heute gar nicht mehr interessiert am Wohl des Patienten sondern an Gewinnoptimierung.
Vielleicht gibt es bei den Naturheilern Scharlatane, aber die sind nicht so bedrohlich und teuer wie der medizinisch industrielle Komplex.

5 02 2010
wahrsagercheck

@sayadin
Die Hersteller homöopathischer Produkte sind – ebenso wie die Pharmaindustrie – gewinnorientierte Unternehmen, die verschenken ihre Globuli nicht, sondern sie verkaufen den Kram. Die Gewinnspanne ist dabei phantastisch:
2,5 kg Rohglobuli kosten ohne Berücksichtigung von Mengenrabatten knapp 70 Euro (http://www.linnea-versand.com/globuli-co/neutral-globuli-sacchari-rohglobuli.html), bei den Mitteln selbst kommt man ebenfalls auf knapp 70 Euro – pro 100g (z.B.: http://www.aliva.de/produkte/sortiment/Homoeopathie/CPotenzen)! Für 30 Mal verschütteln, dann Globuli besprühen und in kleine Portionen abfüllen ist das schon eine hübsche Gewinnspanne! Bezahlt wird hier also ganz offensichtlich das Schütteln und Besprühen – nur Schütteln ist dabei natürlich billiger (die Dilutionen kommen auf knapp 40 Euro pro 100 ml).

Das ist selbstverständlich kein Plädoyer für die Pharmaindustrie, die haben mehr als genug Dreck am Stecken. In dem jetzt auf deutsch erschienen Buch „Die Wissenschaftslüge“ von Ben Goldacre wird sehr schön beschrieben, mit welchen Tricks die Pharmaindustrie arbeitet … …. aber die Pharmaunternehmen müssen dann auch zahlen, wenn sich herausstellt, dass ein Medikmant unwirksam ist oder gravierende Nebenwirkungen verschwiegen wurden – Hersteller von Homöopathika sind nicht haftbar, wenn ihre Globuli nicht wirken oder wenn Homöopathiefreaks im Vertrauen auf die Wirkung der Zuckerpillen eine dringend notwendige Behandlungen erst verspätet und dann mit höheren Kosten für die Krankenkassen beginnen. Über solche Fälle können Hausärzte stundenlang berichten …

Dass Mediziner über ihre Medikamente nichts wissen, ist schlicht und einfach Unsinn. Jedes zugelassene Medikament muss ausführliche klinische Tests bestehen und im Beipackzettel werden alle nur erdenklichen Nebenwirkungen – auch wenn es sich um Einzelfälle handelt – ausgewiesen. Dass nicht jedes Mittel bei jedem Patienten gleich gut wirkt stimmt schon, aber genau deswegen macht man ja Teste mit großen Mengen an Patienten, damit das Medikament bei möglichst vielen wirkt. Ja, hier wird auch getürkt und getrickst – aber die Folgen müssen die Unternehmen dann auch tragen. Wie war das noch damals beim Lipobay-Skandal? Der Hersteller Bayer nahm das Mittel vom Markt und zahlte 1 Milliarde Euro Schadensersatz – dabei waren die Nebenwirkungen dieses Präparates bekannt und dokumentiert: es war bekannt, dass Lipobay nicht gemeinsam mit bestimmten anderen Medikamenten verabreicht werden darf. Einige Ärzte haben’s trotzdem gemacht bzw. haben ihre Patienten nicht regelmäßig weiteruntersucht – Bayer hat gezahlt, obwohl der Fehler gar nicht bei Bayer lag … … nachzulesen z.B. dort: http://www.gesundheitstipps.wicker-kliniken.de/naturarzt/lipobay.html.
Auch dies soll keine Verteidigung von Bayer sein, die verhalten sich genauso wie die anderen aus der Branche, aber ich denke, dass man solche Beispiele nicht vergessen sollte, wenn man über die böse Pharmaindustrie herzieht.

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