Neues Futter für die astrologischen Leichenfledderer: Das verschwundene Flugzeug

18 03 2014

Seit vielen Tagen ist der Flug der Malayan Airlines mit der Flugnummer MH370 verschwunden und die Vermutungen darüber, was denn tatsächlich mit dem Flugzeug und den Passagieren geschehen ist werden immer wilder. Solange es keine Antwort auf die drängenden Fragen gibt, solange bleibt natürlich Zeit für allerlei Spekulationen, aber egal ob es ein tragisches Unglück, eine Flugzeugentführung oder gar eine Art terroristischer Anschlag war, solange wir nicht mehr wissen als bisher, solange sollte man sich mit Spekulationen zurückhalten, denn immerhin geht es um das Leben von etwa 250 Menschen. Aber solche mysteriösen Geschehnisse haben auf einige Astrologen eine geradezu magische Anziehungskraft, sie müssen sich einfach ihrer astrologischen Erklärungsdiarrhoe hingeben – das erklärt zwar nichts, aber sie und einige ihrer Fans scheinen diese perverse Art von Leichenfledderei als eine Art Hobby zu betrachten …

Bereits am 9. März analysierte die US-Astrologin Beth Turnage, dass es wohl ein plötzlicher Unfall war und der Pilot den Kurs nur deswegen wechselte, weil er eine Notwasserung probieren wollte – die dann aber wohl nicht funktionierte. Dies erkannte sie auf Basis des Horoskops des damals letzten bekannten Funkkontakts des Flugzeugs.

Der indische Astrologe Yuvaraj Sowma war sich am letzten Mittwoch sicher, dass es am Donnerstag große Fortschritte bei der Suche nach dem Flugzeug geben sollte – war aber wohl nichts, vielleicht hätten die Leute ja mehr beten sollen, denn dies sollte, nach Meinung des Astroschwurblers, das Auffinden des Flugzeugs unterstützen.

Eine andere indische Astrologieseite war sich ebenfalls sicher:

And, before the week is over (week from the date of the take off), the teams searching will have some firm answers – and location of the debris/ traces.

Nein, falsch! Und ob die Vermutung stimmt, es habe sich um ein eher technisches Problem gehandelt, ist ja noch lange nicht klar.

Bei Astrophoenix musste der „Astro-Fox“ seine Deutungen erbrechen, und wollte (am 14. März) folgendes aus den Sternen gelesen haben:

Es ist im Meer versunken.
Personen (oder nur eine) an Board sind für den Absturz verantwortlich.
Die Personen (oder die eine) haben den Selbstmord in Kauf genommen.
(Wenn es einer der Piloten war, so litt er an Depressionen oder Wahnvorstellungen)
Der Pilot hat selbst (oder unter Zwang) das Flugzeug zum Absturz gebracht und ins Meer gestürzt.

OK, die erste Aussage ist nicht unwahrscheinlich, aber der Rest sind genau die Dinge, über die die Nachrichtenagenturen auch spekulieren. Welches Horoskop der Mann zurate gezogen hat ist unklar, aber er muss sich dann noch mit 2 Kreisen auf einer Karte lächerlich machen – da soll man nämlich das Flugzeug finden … … oder

#nicht eingezeichnet: 5°N87°W, das ist südlich von Kalkutta und östlich der Nordspitze von Indonesien. Ursache ist dabei nicht das Ausgehen des Kraftstoffs sondern Geschehnisse an Bord. (Durchdrehen des Piloten oder eine Mißglückte “Einmischung/Übernahme”.)

Ach Herr-Astro-Fox, macht es eigentlich Spaß auf dem Rücken von knapp 250 Menschen solchen Unsinn zu blubbern?

Den Vogel schießt aber wieder einmal meine Lieblings-Online-Astrologiepostille ab, denn dort gibt es gleich zwei lange Texte zum verschwundenen Flugzeug. Im ersten Astrogelaber (Autorin sri) werden immer zwei verschiedene Daten (also Datum, Uhrzeit und Ort) zu einem einzigen Horoskop zusammengefasst (das nennt man Synastrie, man zeichnet also zwei Horoskope quasi „ineinander“ – und hat dann natürlich viel mehr Deutungsmasse), und schon diese Auswahl ist irgendwie schräg. Aus den gemeinsamen Horoskopen von

  • Erstflug dieses Flugzeugtyps und letztem Funkkontakt des vermissten Flugs
  • Erstflug dieses Flugzeugtyps und einem früheren Rollfeldunfall des vermissten Flugzeugs
  • Letztem Funkkontakt des vermissten Flugs und dem Einschlag des ersten Flugzeugs in die Zwillingstürme des World Trade Center am 11. September 2001

wird folgendes geschlossen:

Damit wäre ein terroristischer Einfluß möglich.

Na klar, wer mit Terrorismusdaten sucht, der glaubt auch solches zu finden. Ich frage mich was passiert wäre, wenn die Leute von der Astrologiepostille das Geburtsdatum des Papstes, oder das von Peter Maffay, oder das vom letzten Fußball-WM-Finale für die Synastrie benutzt hätten – unsinniger wäre das auch nicht gewesen, aber vielleicht hätte es gezeigt, dass an Bord des Flugzeuges mindestens ein Katholik gesessen hatte, dass irgendjemand suboptimale Musik auf dem Kopfhörer hatte oder dass sich im Koffer eines Fluggastes ein Fußball befand. Aber die Loop-Leute wären nicht die Loop-Leute wenn sie sich nicht noch ein scheunentor-breites Hintertürchen dazufantasiert hätten:

Betrachtet man allerdings die Achs-Überlagerung 12/6 plus Sonne dieses ersten WTC-Hits mit dem MC/IC des Signals oben, deutet sich auch an, dass der terroristische Verdacht unter Umständen reine Täuschung ist.

Fazit des ersten Textes: Nichts Genaues weiß man nicht, also warum dann das Ganze?

Der zweite Text stammt vom 15. März, kann jetzt also die neuen „Erkenntnisse“ mit verbraten (Autor: „meta“). Und man bietet sogar eine Art „Hilfe“ an:

[…] aber vielleicht mag sich ja der eine oder andere Hinweis zeigen, der zumindest für die Rettungskräfte hilfreich auf ihrer Suche nach möglichen Ursachen und Hintergründen ist.

Na klar! Irgendwo in Deutschland sitzt also ein Mensch, der mehr zu wissen gaubt als die in Vollzeit suchenden Rettungskräfts vor Ort – was für eine lächerliche und peinliche Selbstüberhöhung! Dieses Mal werden übrigens ganz andere Horoskope zur Deutung in Betracht gezogen, es sind dies:
  • das Horoskops zum Start des Flugzeuges
  • der Start des Fluges KA007 von Korean Airlines vom 31.08.1983 in New York (das Flugzeug wurde westlich der Insel Sachalin von russischen Kampfflugzeugen abgeschossen)
  • das Horoskop des ersten Offiziers des vermissten Fluges (in Synastrie mit einem aktuellen Horoskop)

Und wo ist die eingehende Betrachtung der Horoskope der Flugbegleiterinnen, der Leute im Kontrollturm, der Mechaniker auf dem Flughafen von Kuala Lumpur oder der Tante der Ehefrau des Bruders des Fluggastes auf Platz 22C? Egal, soviel Arbeit haben sich die Autoren wohl nicht gemacht – und da der erste Offizier wohl auch von den Behörden überprüft wurde kann man ihn jetzt zum astrologischen Sündenbock stempeln:

[…] dann finden sich bei ihm die klassischen Auslöser für Unberechenbarkeit und heimliche Absichten. Eingebunden in die energetischen Hauptakteure des Großen Quadrats. Seine Sonne auf 11° Widder wird gerade in diesen Tagen von Uranus überlaufen, dass Quadrat von Jupiter ist ebenfalls fast exakt. Im Vorfeld hat Pluto schon seit einigen Monaten für Probleme gesorgt und auch die genaue Konjunktion von Neptun mit seiner Radix-Venus in den letzten Wochen und Monaten macht ihn eher zu einem Kandidaten für genauere Überprüfungen. Als Anlage hat er eine Sonne-Jupiter Konjunktion im Quadrat zu Neptun im Steinbock, auch hier kann zumindest der Verdacht entstehen, dass er eine Art Doppelleben geführt hat, dass vor allem in den letzten beiden Jahren, durch die Auslösungen von Uranus und Pluto eine neue Dimension bekommen hat.

Ja klar, einem wildfremden Menschen wird per Ferndiagnose ein Doppelleben diagnostiziert astrologisiert – was für eine maßlose Überheblichkeit … … aber man lässt sich ja auch hier eine Hintertür:

Wohlgemerkt – einen Verdacht, denn natürlich könnte man diese Auslösungen auch so deuten, daß er selbst von den Ereignissen als Person „überrollt“ wurde. Nur wenn die momentane Frage aller Ermittler ist, wer von beiden alle Funk-Verbindungen abgebrochen hat und einen völlig anderen Kurs einschlug, stände aus meiner Sicht eher der Co-Pilot im Fokus einer Überprüfung.

Hauptsache ausführlich geblubbert, Herr „meta“ – und auch hier ist sich der Autor nicht zu schade um sich mit einer Karte möglicher Fundorte des vermissten Flugzeugs zu blamieren. Klar, dass hier völlig andere Orte angekreuzt sind als beim oben erwähnten Astro-Fox – ich vermute mal dass beide ähnlich falsch liegen …

Am Ende wird die Terrorismus-Vermutung aus dem ersten Text ad acta gelegt, und eine andere Vermutung geäußert:

Dass man die Maschine auch noch jetzt unversehrt findet, würde ich mir im Sinne aller Angehörigen und Passagiere sehr wünschen. Aber die Geschichte, die sich bisher zeigt, spricht eben eher nicht von Zu- oder Unfällen, sondern von einem verwirrten Menschen, der in einem bestimmten Moment seines Lebens falsche Entscheidungen getroffen hat. Um es freundlich zu formulieren.

… und es wird eine Prognose gegeben, wann man das Flugzeug denn finden wird:

Betrachtet man das gesamte Ereignis als einen Ausdruck der globalen Anspannung unter dem Quadrat von Jupiter, Pluto und Uranus, dann sollte sich aber zumindest in den nächsten 2-3 Tagen klären lassen, wo die Maschine jetzt ist, spätestens wenn der Mond das Quadrat komplettiert.

Nun ja, wir werden sehen was passiert. Die zunehmende Menge an Informationen und die Erweiterung der Suche (jetzt sogar mit Hilfe der ISS) sollte ja irgendwann dazu führen, dass das Flugzeug gefunden wird. Die Selbstüberschätzung der Astrologen, die tatsächlich glauben ihr absurdes Geschwurbel mit weitgehend willkürlich hervorgekramten Horoskopen hätte irgend einen Sinn, ist angesichts der höchstwahrscheinlichen Opfer aber in jedem Fall eine bodenlose Frechheit.


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One response

18 03 2014
Astrologie des tages | Schwerdtfegr (beta)

[…] Im horoskop des letzten funkspruchs herumdeuteln… […]

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