Die vrm-Erlebnis-Akademie: Wissen – Genuss – Kultur und eine Portion Esoterik

19 06 2015

Die Herausgeber meiner geliebten Lokalzeitung (die mich per Onlineabo auch auf meinen Dienstreisen zuverlässig begleitet) haben seit einiger Zeit ein Angebot im Portefeuille, das sich Erlebnis-Akademie nennt und mit einem schönen Logo aufwarten kann:

vrm

Wissen, Genuss und Kultur – das klingt als hätte diese Akademie viele Angebote für mich auf Lager. Gestartet wurde das Ganze übrigens 2013:

Ende 2013 starteten wir mit exklusiven Kochkursen in den Kupferbergterrassen, die nach kurzer Zeit restlos ausgebucht waren.

Oh ja, das wäre etwas für mich gewesen! Ein Kochkurs in den renommierten Mainzer Kupferbergterrassen verspricht tatsächlich höchste Gaumenfreuden, und daneben wird man auch sein Wissen um die Zubereitung von Speisen erweitern können. Und da gute Küche ja durchaus etwas mit Kultur zu tun hat gehe ich davon aus, dass damit das Akademiemotto bestens repräsentiert war. Ich schreibe bewußt „war“, denn aktuell sind diese Kurse leider nicht im Angebot. Dafür gibt es ein paar etwas andere Angebote, aber der Reihe nach.

Letzten Samstag wurden in der Mainzer Allgemeinen Zeitung auf Seite 6 in einer eine Drittel Seite großen Anzeige Feng-Shui-Veranstaltungen beworben – als „Angebot Ihrer Tageszeitung“. Das war nicht nur mir negativ aufgefallen, in einem Facebookkommentar wies ein Skeptikerkollege mit folgendem Kommentar ebenfalls darauf hin:

Die Rhein Main Presse schändet die zweite Namenshälfte ihrer „Erlebnis-Akademie“ und wirbt für ein Feng-Shui-Seminar:

Im Detail wurden zwei Feng Shui Termine angeboten: Eine „Design-Tafel“ (die unter wechselnden Themen angeboten wird, drei Stunden dauert und ein Drei-Gänge-Menü mit verführerischen Weinen beinhaltet – WebCiteLink) sowie eine Veranstaltung mit dem Titel „Glücksfaktor Feng Shui“ (die dauert 7 Stunden und von Essen steht da nichts –  WebCiteLink). Es ist ja eigentlich nichts dagegen zu sagen, wenn ein paar Menschen zusammen Essen gehen und sich dabei über fernöstlich motivierte Inneneinrichtung unterhalten oder sich ohne Essen darüber informieren wollen, aber der Werbetext beinhaltete auch sehr weit hergeholte Versprechungen, denn man soll dort erfahren …

wie Feng Shui Ihr Wohlbefinden, Ihre Gesundheit, Ihre Leistungsfähigkeit, Ihren Erfolg und vieles mehr beeinflussen kann

Dass es Menschen in einer schön empfundenen Wohnung wohl besser gehen wird als in einer vermüllten Souterrainwohnung mag ich noch verstehen, aber wie das die Gesundheit beeinflußen soll hat mich dann doch interessiert und ich beschloß die vrm-Akademie anzuschreiben. Inzwischen hatte ich noch folgendes wunderbare Angebot gefunden: Vorurteile für Anfänger Menschen sehen, Menschen verstehen (WebCiteLink) – dabei handelt es sich um Esoterik pur, denn die dahinter stehende Physiognomik ist das Paradebeispiel einer Pseudowissenschaft. Also fragte ich nach, welchem (oder welchen) der Begriffe Wissen, Genuss und/oder Kultur diese Veranstaltungen zuzuordnen sind, fragte explizit auch nach, ob man bei der vrm-Akademie tatsächlich glaube, dass Feng-Shui die Gesundheit beeinflußen könnte und wies darauf hin, dass das Physiognomik-Angebot pseudowissenschaftlicher Unsinn sei.

Ich gebe ja zu, dass mich die Antwort wenig überrascht hat, denn natürlich ordnen die Verantwortlichen der vrm-Akademie diese Veranstaltungen unter „Wissen“ ein (und wahrscheinlich auch anderen Unsinn wie zum Beispiel diese beiden Shiatsu-Veranstaltungen).

Feng Shui sei ein seit 20 Jahren etabliertes Verfahren, das aufgrund zahlreicher Wünsche von Abonennten angeboten wird, schrieb mir eine Verantwortliche und wies darauf hin, dass solche Angebote von namhaften Experten auf der ganzen Welt angeboten werden. Sie wies auch darauf hin, dass sich Architekten an Feng Shui-Akademien ausbilden lassen. Stimmt alles, aber was hat das mit der Behauptung zu tun, Feng Shui würde die Gesundheit beeinflussen? Auf eine weitere Nachfrage von mir schrieb sie: Ja, wir glauben, dass Gesundheit und Wohlbefinden sehr wohl mit der Ausgestaltung des wohnlichen Umfeldes zu tun haben kann. Das klingt jetzt schon ein wenig allgemeiner und windelweich, denn wie oben geschrieben ist es eine Binsenweisheit, dass es Menschen in einer schön empfundenen Wohnung wohl besser gehen wird als in einer nicht schön empfundenen. Aber braucht es dafür unbedingt Feng Shui mit seinen lächerlichen, esoterischen Chi-Flüßen?

So richtig lächerlich war die Antwort zum Thema Physiognomik, denn hier behauptete die Vertreterin der vrm-Akademie, es würde sich dabei um eine wissenschaftliche Methode, die von großen Firmen bspw. bei der Zusammenstellung von Teams genutzt wird handeln und verwies auf den dazugehörigen Wikipedia-Artikel. Außerdem habe man das Ganze bei der vrm-Akademie selbst getestet und für gut befunden – und natürlich seien die Veranstaltungen auch gut besucht. Wenn man auf einen Wikipedia-Artikel verweist sollte man diesen auch gelesen haben, denn dort steht nirgends, dass es sich um eine wissenschaftliche Methode handelt und dass es Firmen benutzen wird am Ende in einem einzigen Satz erwähnt:

Zum Teil wird auch in der Personalberatung mit Methoden der Physiognomik gearbeitet. Werner Sarges sagte dazu: „Die Suche nach einem Geheimsystem, mit dem man den Charakter eines Menschen sofort erkennen kann, lässt sich leider nicht ausrotten“

Der Satz stammt aus diesem Spiegel-Artikel von Bärbel Schwertfeger, dem ich gerne folgene Zitate aus dem 2. Teil beifügen möchte:

Kein gutes Haar lässt auch Fritz Ostendorf an der Psycho-Physiognomie. „Den Charakter auf der Grundlage der Schädelform, der Art der Nase oder Stirn erschließen zu wollen, ist schlichtweg Humbug“, sagt der Psychologiedozent an der Universität Bielefeld.

Madeleine Leitner ist fassungslos. „Ich hätte nie gedacht, dass sich jemand heute noch ernsthaft mit solchen abstrusen Konzepten beschäftigt“, sagt die Vorsitzende der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP).

Auch Christoph Aldering, Mitglied der Geschäftsleitung und Partner Kienbaum Management Consultants GmbH, ist erstaunt über die „laienhafte Psychologie“. Das erinnere ihn doch an dunkle Zeiten in unserer Geschichte.

Wer noch ein wenig Bedarf am Kopfschütteln hat, dem empfehle ich den auch bei Wikipedia verlinkten Skeptiker-Artikel von Uwe Kanning aus dem Jahr 2010, der den Unsinn alleine am Beispiel der Ohren offensichtlich werden lässt:

Alleine die Betrachtung der Ohren kann zu weit mehr als 3000 Charakterisierungen herangezogen werden (3 Ohrgrößen x 3 Formen der Segelohrigkeit x 3 Ohrzonen x 3 Schrägheitsgrade x 3 Höhenparameter x 5 Ohroberkantenareale x 3 Möglichkeiten des Verhältnisses zwischen rechtem und linkem Ohr).

Und die Parameter werden natürlich, nun ja, geraten:

Ob ein Ohrläppchen als groß, mittelgroß oder klein zu gelten hat, entscheidet er allein, ohne den Einsatz eines Maßbandes oder ähnlicher Hilfsmittel.

So kann also eine „Wissens“-Veranstaltung bei der vrm-Akademie aussehen. Das ist schon deswegen schade, weil es selbstverständlich eine ganze Reihe von guten und sinnvollen Angeboten gibt. Abonnenten wie ich können sich dabei übrigens über Rabatte freuen, die die  Verlagsgruppe Rhein Main über die angebotene ABOPlus-Card gewährt. Für mich würden die Feng Shui Veranstaltungen dann 109 statt 129 Euro kosten, über die Lächerlichkeit der Physiognomik könnte ich mich für 129 statt 149 Euro informieren lassen. Hingehen würde ich allerdings nur, wenn man mir die obigen Beträge vorab in doppelter Höhe als Schmerzensgeld zukommen lassen würde …


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