Die Venus und das Higgs-Boson

7 07 2012

Das Higgs-Boson (das mit dem G*-Teilchen erspare ich mir) sorgt in den letzten Tagen für Schlagzeilen und viele spannende Erklärungen in der Presse und den einschlägigen Blogs. Danke an die vielen Wissenschaftler, die mir mit ihren Erklärungen ein wenig Nachhilfe in Teilchenphysik gegeben haben – ich gestehe, dass ich bei diesem Thema noch eine ganze Menge Nachholbedarf bzw. Nachlernbedarf habe. Ich hätte natürlich darüber schreiben können, wie das Wetter an diesem Tag war oder wie ich mich persönlich an diesem Tag gefühlt habe oder wie meine Verdauung an diesem Tag funktionierte – und das alles irgendwie mit der Veröffentlichung in Beziehung setzen können, aber warum sollte ich das tun?

Für diese astrologische Online-Zeitung waren die Meldungen zum ggf. nachgewiesenen A-B-E-H-G-H-K-Mechanismus (so würde Higgs das Ganze selbst nennen wollen) natürlich nichts anderes als ein weiterer Beleg für die Astrologie. Nach einer Art Einleitung …

Wenn man als astrologisch interessierter Mensch diese Geschichte hört, drängen sich einem fast von selbst bestimmte kosmische Archetypen auf. Zum einen muss hier Uranisches am Werk gewesen sein, aber auch das Bildgebende (Venus) zusammen mit einem neuen Impuls (Mars) auf Wissensgebiete und Abstraktes bezogen (Merkur-Zwilling). Zudem muss die zeitliche Qualität des Augenblicks (Mundan-Bild) mit den Anlagen des Trägers und Manifestors (Radix von Higgs) in deutlicher Verbindung sein.

… findet Autor „meta“ dann problemlos allerlei astrologische Argumente Begründungen, in dem er sich das Geburtshoroskop von Higgs, das Horoskop des 17.Juli 1964 (12:15 Uhr für Edinburgh – da soll Higgs die Idee gehabt haben …) und das – vermeintliche – Horoskop der Pressekonferenz (4.7.2012, 08:50 Uhr, Meyrin – vermeintlich, weil die Pressekonferenz laut dieser Einladung in Viligen statt fand) anschaut. OK, hinterher etwas mit Horoskopbildchen zu begründen ist bekanntlich nicht schwer. Und im Nachhinein finden sich – wie immer – auch astrologische Begründungen:

Trotzdem, für Higgs war heute ein besonderer Tag. Und auch hier zeigt sich wieder, wie harmonisch und symmetrisch das astrologische Modell ist. Berechnet man nämlich ein Zeitcombin zwischen Higgs Radix und seiner Entdeckung 1964, finden wir Jupiter und Venus in enger Konjunktion im Zeichen Skorpion. Nimmt man nun das Radix der Pressekonferenz, finden wir Jupiter wiederum in Konjunktion mit Venus. Und beide stehen jetzt fast genau auf Peter Higgs Sonne.

Das Zeitcombin ist übrigens der Zeitpunkt, der genau in Mitte zweier gegebener (Geburts)daten (normalerweise zweier Partner o.ä) liegt, also noch ein weiteres, errechnetes Horoskopbildchen, dass der Autor dann mitdeutet. Dass Higgs solche Fantaseyen (ich zitiere nur Kepler) wohl schnurzpiepegal sind weiß der Autor wohl selbst wenn er schreibt:

Wie schade, dass er diese Art der Schönheit und Ausgewogenheit wahrscheinlich nie entdecken wird, zu viele Gräben liegen noch zwischen den modernen Wissenschaften und ihrem Ursprung.

Immerhin scheint er sich aber über die Entdeckung zu freuen, denn er fährt fort:

Trotzdem freut man sich als Forscher natürlich mit, wenn mit großem Aufwand (ca. 30 Milliarden $ hat der Nachweis bis heute gekostet) und viel Zeit (fast 50 Jahre) etwas entdeckt wurde, was Wissen vergrößert und zumindest theoretische Überlegungen über die Natur des Universums anregt.

Gut! In der Zeitung mit den großen Buchstaben kann man da ganz andere Kommentare lesen (… die hier eloquent gekontert werden). Die Hoffnungen des Astrologie-Autors im letzten Abschnitt sollte er aber lieber gleich begraben:

Denn vielleicht entstehen ja dadurch eines Tages auch neue Denk-Räume und Theorie-Felder, die den Zusammenhang zwischen äußeren Bewegungsabläufen (zB der Planeten), energetischen Phasenresonanzen und individueller Erfahrung und Wahrnehmung möglicher erscheinen lassen.

Herrlich! Ich liebe solche Sätze, die auch nach mehrmaligem Lesen keinerlei irgendwie gearteten sinnvollen Inhalt offenbaren. Ich kann mir durchaus vorstellen, was der Autor damit meinen will,  aber die „energetischen Phasenresonanzen“ machen diesen Satz zu einem typischen Beispiel für sinnloses Geschwurbel (welche Energie? welche Phase? welche Resonanz?). Wenigstens hat der Mann am Ende noch einen kleinen Humoranfall:

Und irgendjemand findet dann das Venus-Boson, das statt Masse Schönheit überträgt. Wer weiß…

Wie hätte mein Kölner Ex-Kollege mit todernster Miene darauf geantwortet: „Nä, wat hammer jelacht!“


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4 responses

7 07 2012
Stefan

Was „meta“ hier veranstaltet, ist ja wohl typisch für halbherzige astrologische Rosinenpickerei! Er unterschlägt gänzlich die wirklich relevante Komponente, und zwar den wahren Namen des Higgs-Bosons, also „Gottesteilchen“! Hier braucht man freilich Kenntnis, dennoch verweist das Kompositum ja ganz eindeutig auf die Genitivbildung „Gottes Teilchen“. Das wiederum lässt uns tiefer denken, zumindest uns Wissende: Ich nämlich habe in weiteren Überlegungen also den Geburtstag und somit das Horoskop Gottes in meine Berechnungen einbezogen, und da wurde mir ganz blümerant. Wartet’s nur ab, mehr kann ich derzeit noch nicht sagen. Nur so viel vorab: Aus zukünftiger Perspektive betrachtet, werden in unserer Vergangenheit überraschende Dinge geschehen sein, die gegenwärtig unvorhersehbar erscheinen. – Denkt an meine Worte!

9 07 2012
keinanfang1

Also ist doch klar, dass ohne eine Bildgebende Venus das ganze nichts hätte werden können.
Bitte auf eine Bildgebende Venus trifft man beim CERN doch allerorts, oder ertwa nicht?😉

9 07 2012
Horst Lauer - Der Skeptiker

Verehrtester,

derartige Verirrungen verwundern nicht, bedenkt man, was Kindern heutzutage vermittelt wird. Unser Andreas und unser Michael durften in der schulfreien Zeit mit mir physikalische Fragestellungen diskutieren, natürlich dem Alter angemessen.

Dank guter Beziehungen zur Bezirksverwaltung und zum örtlichen VEB hatte ich seinerzeit auch Zugang zu einem ordentlichen Fernrohr, so daß es möglich war des Nachts die Planeten, etwa die Venus, zu studieren. So wollten unsere Jungs konsequenterweise Kosmonauten werden, aber schauen Sie sich heute nur einmal um! Da verwundert es doch nicht, daß es Zeitgenossen gibt, die der Venus „bildgebende“ Eigenschaften zusprechen.

Ich habe Mitgefühl mit Herrn Higgs, Atheist wie Sie, verehrter Herr Kunkel und ich, daß ihm nun „Gottes“-teilchen angehängt werden. Da stellt sich mir doch sogleich die Frage, ob in meiner Auflistung hier anzuprangernder, irrationaler Betätigungen nicht auch die religiöse Gesinnung aufgeführt werden sollte!

Hochachtungsvoll!

14 07 2012
Trotz des neuen Bosons: warum die eigentlichen Entdeckungen – hoffentlich – erst noch kommen « Skyweek Zwei Punkt Null

[…] von Akula & al., ein Radio-Skript und Artikel hier, hier, hier, hier 8., Artikel hier, hier und hier 7., Videoclips von CERN, Edinburgh und FermiLab und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, […]

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