Alle jahre wieder: Die (GWUP-)Prognoserückschau 2017 – mit FAQs und Quellenlinks

14 12 2017

Ausgefallene Weltuntergänge und ausgeflippte Tiere

Die alljährliche Hellseherblamage

Ob aus Bibelversen errechnet oder mit dem plötzlichen Auftauchen eines ominösen Planeten namens „Nibiru“ begründet – mindestens viermal verstrich im ablaufenden Jahr ein Weltuntergangstermin, ohne dass irgendetwas passiert ist. Bilder von kannibalistischen Pandabären, einer Invasion riesiger Marienkäfer in irgendeiner Stadt oder von Menschen, die überall in der Welt von aggressiven Eichhörnchen angefallen werden, wären den Medien sicher auch nicht entgangen, aber auch diese tierischen Vorhersagen des kanadischen Mediums Nikki Pezaro erwiesen sich als völlig daneben. Die GWUP e.V. (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) hat auch für 2017 die Prognosen von Hellsehern, Astrologen und Wahrsagern unter die Lupe genommen und die Blamage der Augurenzunft dokumentiert.

Der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel, der seit vielen Jahren solche esoterischen Prognosen sammelt und auswertet, hofft, dass irgendjemand Frau Pezaro einmal ein Biologiebuch schenkt. „Sie hat noch vorhergesagt, dass ein aus einem Tank ausgebrochener Piranha mehrere Menschen fressen soll – für ein Tier, das höchstens 40 cm groß wird, ein ziemlich unmögliches Unterfangen.“ Auch bei anderen Themen lagen Hellseher weit daneben. Der Brite Craig Hamilton-Parker sagte nicht nur einen Euro-Crash und den darauffolgenden Austritt von Italien und Dänemark aus der EU voraus, sondern sah auch die Vereinigung von Nord- und Südkorea und ein Feuer im britischen Parlament. Bei Kollegin Pezaro sollten die Flammen im Buckingham-Palast lodern, der Schiefe Turm von Pisa umfallen und im Eriesee ein UFO landen.

Wie üblich sah der überwiegende Teil der Hellseher und Wahrsager pechschwarz in die Zukunft. Katastrophale Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen und Terroranschläge – nicht nur Hamilton-Parker und Pezaro hatten viele solche Prognosen im Angebot, auch hierzulande warnten Annatala Geiger-Jordtveidt, Gabriele Sperzel, Christiane Durer oder Christine Schoppa vor einem oder mehreren dieser Szenarien. Hamilton-Parker und der deutsche Palmblattdeuter Thomas Ritter sagten sogar beide einen Vulkanausbruch auf Island mit weitreichenden Folgen für den Rest Europas voraus – aber ein Ausbruch à la Eyjafjallajökull 2010 war 2017 bisher nicht zu beobachten, auch wenn Geologen ein solches Geschehnis für die nahe Zukunft nicht ausschließen wollen. Kunkel wundert sich nicht: „Was in der Vergangenheit geschah, wird als Prognose für die Zukunft wiederholt – es könnte ja noch einmal passieren. Wirklich Überraschendes wie der Rücktritt des Papstes 2013 oder eben die Folgen des Vulkanausbruchs in Island von 2010 fand man in den Prognosen der Wahrsager damals nicht, und auch heute bedienen sich die Prognosen fast ausnahmslos bereits bekannter Szenarien.“

Positive Aussichten waren 2017 zwar selten zu finden, aber durchaus vorhanden. Der Astrologe Kurt Allgeier beruhigte in seinem alljährlichen Nostradamus-Almanach gleich zu Beginn: Der 3. Weltkrieg sollte nicht 2017 beginnen – damit widersprach er mehreren meist anonym veröffentlichenden anderen Nostradamus-Deutern, hatte damit aber eindeutig recht, auch wenn der Rest seiner Texte eher verwirrend oder definitiv falsch war (… in Südfrankreich sollte sich ein neuer Staat bilden). Sein Ko-Autor Erich Bauer las aus den Sternen, „dass zerstrittene Beziehungen wieder Frieden finden“, und versprach zum Thema Liebe, „dass sie jedem Menschen zuteilwird, der nach ihr trachtet“. Ob dies tatsächlich stimmt, muss zwar bezweifelt werden, aber Kunkel findet solche Prognosen nicht unbedingt schlecht: „Solcher Seelenbalsam ist zumindest besser als Angst machende Katastrophenprognosen. Man sollte sich allerdings niemals darauf verlassen, auch wenn das noch so schön klingt.“

Dass die Wahrsagerei auch tragische Folgen haben kann, zeigten 2017 zwei Fälle aus Vietnam und Frankreich. Eine Vietnamesin tötete ihren wenige Tage alten Enkel, weil laut einem Wahrsagung durch das Baby das Karma der Familie geschädigt werden würde. Nicht ganz so tragisch endete für eine 35-jährige Frau in Frankreich die Beratung einer Wahrsagerin. Ihr wurde der nahende Herztod prophezeit und ihre Verunsicherung war so groß, dass auch medizinisches Fachpersonal ihr die Angst erst nach längerer psychologischer Behandlung nehmen konnte. Inzwischen hat sie die Wahrsagerin verklagt, und einen ersten kleinen Erfolg erzielt: Die Wahrsagerin hat ihre Angebote vom Netz genommen.

  • Und jetzt die FAQs dazu:

Details und Erläuterungen zur Prognosenauswertung

Die Prognosen und ihre Herkunft

2017 wurden über 100 prognostische Texte aus Büchern, astrologischen Almanachen, Websites, Youtube-Videos bzw. Presseartikeln ausgewertet, von denen etwa 30 anonym veröffentlicht wurden. Die Anzahl der einzelnen Prognosen ist nicht im Detail zu ermitteln, da bei vielen Texten oder Youtube-Videos nicht ganz klar wird, welche – in der Regel schwammige – Aussage überhaupt als Prognose zu deuten ist. In der Auswahl fanden sich neben mehreren vorausgesagten Weltuntergängen einiger seit Jahren bekannter Vielprognostiker wie Nikki Pezaro aus Kanada oder Craig Hamilton-Parker aus England (die lange Listen meist katastrophaler Prognosen veröffentlichen) auch kryptische – und meist ebenso katastrophale – Deutungen der Vierzeiler des Renaissance-Dichters Nostradamus sowie eine Vielzahl eher schwammiger Jahresprognosen von Astrologen und Sehern.

Wie wird ausgewertet?

Die Auswertung der Prognosen geschieht nach zwei Prinzipien: Die Prognose wird – soweit möglich – wörtlich genommen und es wird berücksichtigt, wie wahrscheinlich das Eintreffen der jeweiligen Prognose ist.

Nehmen wir als Beispiel die beliebte Prognose „Erdbeben in XXXXX“. Schaut man sich eine Karte aller „signifikanten“ Erdbeben der letzten 30 Tage an (Stand: 10.12.2017), findet man eine große Menge an Erdbeben weltweit.

(Das Bild wird noch eingefügt)

Die Prognose „Erdbeben in Kalifornien“ wäre also in den letzten 30 Tagen (und für das gesamte Jahr) in etwa so überraschend wie die Prognose der drohenden Dunkelheit am Abend. Dies muss bei einer Beurteilung von Prognosen berücksichtigt werden. Mit einer solchen Prognose würde ein Astrologe oder Wahrsager nur dann Ruhm ernten können, wenn die Prognose sehr genau wäre. Gleiches gilt für die Prognosen alljährlich wiederkehrender Ereignisse wie Wirbelstürme in der Karibik, Überschwemmungen zur Monsunzeit in Asien, Lawinen in den Alpen oder Waldbrände in Kalifornien, Australien und Südeuropa.

In der Praxis überwiegen insbesondere bei Astrologen eher allgemeine Formulierungen im Konjunktiv, die keinerlei prüfbaren Inhalte haben und sich so von vorneherein gar nicht prüfen lassen. Hier ein Beispiel aus einer Vorschau für September 2017 des Astrologen Olaf Staudt:

Kritisch im Hinblick auf krisenhafte Ereignisse sind insbesondere die Tage um den 5./6. (Vollmond in Spannung zu Neptun/Pluto – siehe Abbildung rechts), die Tage um den 8. (Mars Spiegelpunkt Uranus), die Tage um den 24./25. (Mars Opposition Neptun, Spiegelpunkt Pluto) und die Tage um den 30. (Sonne Spiegelpunkt Saturn, Venus in Spannung zu Neptun und Pluto).

Egal was passiert, „krisenhafte Ereignisse“ kann so ziemlich alles bedeuten und der Astrologe kann nachher alles nur Erdenkliche als Treffer seiner „Prognose“ zuordnen (und tut das auch). Auch die unklare zeitliche Zuordnung („die Tage um den 5./6. bzw. 8.“) erlaubt es ihm, jedes Ereignis zwischen dem 3. und dem 10. als Beleg seiner „Fähigkeiten“ zu nennen. In seinem Mai-Newsletter hatte er Folgendes geschrieben:

Ende Mai und Anfang Juni ergeben sich erneut spannungsreiche Aspekte (Mars Opposition Saturn, Sonne / Pluto), welche auf der mundanen Ebene mit Konflikten und krisenhaften Ereignissen korrelieren können.

Laut dem Juli-Newsletter hat er damit irgendwie einen Bombenanschlag in Kabul vom 31.05.2017 vorhergesehen, zumindest verbindet er seine unklare Prognose mit diesem Ereig

Die Qualität der einzelnen Prognosen

Eine echte Prognose sollte klar formuliert sein, sollte also enthalten was wann und wo passieren soll. Solche Prognosen sind sehr selten, es überwiegen (siehe 2.) vieldeutige Aussagen im Konjunktiv, in die man alles oder nichts hineininterpretieren kann. Ausnahmen gibt es selten, aber manchmal rutscht einem Hellseher oder Astrologen doch einmal etwas Exaktes heraus, wie zum Beispiel diese Prognose von Craig Hamilton-Parker:

August 21, 2017 eclipse over America coincides with huge stock market fall and long-term inflation

Um den Termin der Sonnenfinsternis in den USA sollte es also starke Verluste an den Börsen geben – dies war zwar definitiv falsch, aber immerhin war die Prognose gut (und prüfbar) formuliert. Was passieren soll (starke Verluste an den Börsen), wann (um den 21. August) und wo (USA) – alle Kriterien für eine gute Prognose waren also erfüllt. Viel häufiger sind allerdings prognostische Rundumschläge wie der von Christine Schoppa:

In der Wirtschaft kann das [Übermut und Leichtsinn, hervorgerufen durch Planetenkonstellationen, d. Red.] starke finanzielle Einbußen zur Folge haben. Aber nicht nur diese eine Komponente hat dieser Aspekt zu bieten, ich sehe ihn auch als Übeltäter im Bereich Wetter- und Umweltkatastrophen, hier ist alles möglich, von starken Stürmen bis hin zu Erdbeben.

Aber auch eine genaue Vorhersage muss noch kein Beleg hellseherischer Fähigkeiten sein. So wurde 2009 in der Rhein-Zeitung ein Erdbeben der Stärke 4.5 bis 5 für die zweite Maihälfte 2010 auf den Fidschi-Inseln vorausgesagt – und traf tatsächlich ein (am 16. Mai 2010). Ein toller Prognosetreffer eines Hellsehers oder Astrologen? Nein, Autor dieser Prognose war der Autor des Prognoserückblicks, Michael Kunkel, selbst, und für die Prognose hatte es nur einer kurzen Recherche im Internet bedurft. Auf den Webseiten der Erdbebenforscher konnte er leicht ermitteln, dass in dieser Gegend regelmäßig – etwa 1- bis 2-Mal pro Woche – Erdbeben dieser Stärke gemessen werden.

Schwerpunkte der Prognosen für 2017

Der in den letzten Jahren augenfällige Trend zur Abnahme von Schwerpunkten setzte sich auch 2017 fort.

Klassiker der Prognosenzunft

Zu den eindeutigen Klassikern der Prognosezunft zählen die Voraussagen von Umwelt- und Naturkatastrophen sowie von bevorstehenden Kriegen bis zum baldigen Ende der Welt. Auch 2017 waren die Katastrophenseher und Weltuntergangspropheten wieder sehr aktiv. Das Arsenal der vorausgesagten Katastrophen war dabei wenig überraschend und unterschied sich nicht von ähnlichen Prognosen aus den vorigen Jahren.

Prominente

In der Regenbogenpresse findet man zum Jahreswechsel häufig – in der Regel astrologisch motivierte – Voraussagen zu einzelnen Prominenten. Dort geht es um die üblichen Klatschthemen Gesundheit, Karriere und Liebesglück. Auch hier sind die – normalerweise sehr kurzen Texte – extrem vage gehalten. Die „Regeln“ für diese Art von Prognosen sind relativ einfach: Singles wird eine (neue) Liebe vorausgesagt, bei frisch Verheirateten gibt es die Prognosen „Schwangerschaft“ (insbesondere bei Royals u.ä.) oder „Trennung“, Promipaaren droht ebenfalls die Trennung und älteren Promis gesundheitliche Gefahren. Dabei sind Treffer nicht zu vermeiden. Für 2017 war natürlich wieder mehrfach die erneute Schwangerschaft im britischen Königshaus – richtig – vorhergesagt worden, als Beleg für Hellseherkünste taugt das jedoch eher nicht-.

Treffer für das Jahr 2017

Spektakuläre Prognosetreffer waren auch 2017 nicht zu erkennen. Zwar hatten viele Auguren auch – wie jedes Jahr – Hurrikane-Katastrophen in den USA im Prognose-Programm, allerdings waren diese Vorhersagen viel zu ungenau. Tropische Wirbelstürme sind in der Karibik keine Seltenheit, auch wenn die Folgen 2017 wesentlich schlimmer waren als in den Vorjahren.

Wurden für 2017 besondere Ereignisse nicht vorhergesagt?

Besondere Ereignisse sind nicht bekannt.

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14 12 2017
Prognosen-Check: Wahrsagerei mit tragischen Folgen @ gwup | die skeptiker

[…] GWUP-Prognosenrückschau 2017 mit FAQs und Quellenlinks, Wahrsagerchecks-Blog am 14. Dezember […]

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