Verdünnte Meister in Öl und Alkohol

19 02 2009

Für den Begriff „Essenz“ gibt es in Meyers Lexikon gleich mehrere Beschreibungen: In der Lebensmittelchemie ist es eine „hoch konzentrierte naturreine oder künstliche, meist alkoholische Lösung von Geschmacks- oder Geruchsstoffen zur Aromatisierung von Lebens- und Genussmitteln“, in der Philosophie bedeutet Essenz „das Wesen, im Unterschied zum Akzidens, dem Zufälligen, und zur Existenz, dem Dasein„. Ähnliche Beschreibungen des Begriffs findet man auch im Online-Lexikon des Bertelsmannverlags unter Ernährung bzw. Philosophie.

Schaut man bei Wikipedia nach findet man – zumindest in der aktuellen Version – sogar vier Beschreibungen des Begriffs: neben der philosophischen eine aus der Alchemie, die den Beschreibungen aus „Ernährung“ bzw. „Lebensmittelchemie“ ähneln …

in der Alchemie (vergleiche Quintessenz) etwa das Gleiche wie Konzentrat; zum Beispiel ist Essigessenz ein Gemisch aus Essigsäure und Wasser, das gegenüber gewöhnlichem Essig einen niedrigeren Wasseranteil aufweist..

… eine aus der Biologie …

in der Biologie (Medizin) lebensnotwendige Bedingungen für einen Organismus. So bezeichnet man z.B. mit dem Terminus “essentielle Fettsäuren“ diejenigen Fettsäuren, die ein bestimmter Organismus nicht selbst herstellen kann.

und eine weitere, auf die man bei der Begriffsbestimmung des Wortes Essenz wahrscheinlich gar nicht so leicht kommt:

in der ursprünglich auf Edward Bach zurückgehenden Bach-Blütentherapie die Blütenessenz, eine Lösung aus Wasser und Alkohol, die durch Sonnenlicht oder andere Methoden Energie bzw. Schwingung von Blüten übertragen soll.

Dass letztere Beschreibung zur Klärung des Begriffs „Essenz“ beiträgt möchte ich doch ein wenig bezweifeln. Alle anderen Beschreibungen – auch im englischen Wiktionary – kommen ohne die Bachblüten aus, und eigentlich bedeutet Essenz ja etwas konzentriertes (siehe Essigessenz). Bachblütenessenzen sind aber nicht konzentriert – ganz im Gegenteil: das Wasser, in das die Blüten eingelegt oder in dem sie kurz erhitzt werden wird danach mit der gleichen Menge Alkohol versetzt und dann im Verhältnis 1:240 verdünnt. Alles nachzulesen in Wikipedia: Aus den fünf Litern Wasser, in welche die Blüten gelegt wurden, entstehen auf diese Weise etwa 2.400 l Blütenessenz.

Nun kann man zur Ehrenrettung des Begriffs „Bachblütenessenz“ anführen, dass die Bachblütengläubigen eben irgendwelche „Schwingungen“ oder „Energien“ der Pflanzen als wesentlich oder – eben – essentiell betrachten und so aus ihrer Sicht eine Bachblütenessenz der philosophischen Definition des Begriffs „Essenz“ genügt. Immerhin haben diese Essenzen noch etwas mit den Blüten zu tun, auch wenn „Essenz“ schon ein sehr hochtrabender Begriff für eine solch wässrige Lösung ist. Aber Esoteriker sind ja sowieso wahre Meister im Begriffevernebeln und belegen ihre Produkte gerne mit wohlkingenden Begriffen, die sich bei näherem Hinsehen eher als hohlklingend entpuppen.

Wenn Esoteriker schon aus verdünnten Blüten eine „Essenz“ herstellen können, dann fehlt nur noch ein kleiner Schritt und man ist bei Essenzen von Dingen, die gar nicht existieren. Das ist zwar die absolute Perversion des Begriffe „Essenz“, aber so etwas gibt es natürlich auch – zum Beispiel bei der Lichtwesen AG aus Pfungstadt. Die Produktpalette umfasst Meister-  Erzengel- und weitere Essenzen und die Beschreibungen dieser „Produkte“ würden als Versuch einer Satire auf schwurbeliges Esogefasel wohl wegen unbotmäßiger Übertreibung wenig erfolgreich sein. Feinstoffliches, Aura, Chakren, Lebensenergie, Erzengelkräfte und so weiter und so fort: ein ganzes  Arsenal an Buzzwords für abgedrehte Hardcore-Esoteriker, verquirlt mit Versatzstücken verschiedener Glaubensrichtungen und angereichert mit sinnfreiem Geschwafel von „Aufstieg“, „Energieniveau“ und „Lebensaufgabe“ – alles offensichtlich ernst gemeint und für zahlende Kunden verfügbar.

Für 20,50 Euro erhält man bei dieser AG ein wenig Öl oder eine Tinktur in einem kleinen Fläschlein, das zumindest einen Ehrfurcht erheischenden Namen wie „Christus“, „Lao Tse“, „Victory“, „Kamakura“ oder „Helion“ (alles Meisteressenzen) trägt. Was in den Fläschchen wirklich drin ist, das steht auf der Webseite nicht so genau. Im zum Download verfügbaren Verkaufsprospekt erfährt man immerhin, dass  Tinkturen und Tinktur-Sprays aus „gereinigtem“ Wasser (schmutziges wäre ja doof) und „reinem Weingeist (Ethanol – Alkohol) als Trägersubstanz“ bestehen und dass für die Öle „hochwertige reine Pflanzenöle von Speiseölqualität, die mit ätherischen Ölen beduftet sind“ verwendet werden.  Diesen und anderen Produkten gemeinsam ist, dass sie „mit einem speziellen Verfahren der Meditation direkt energetisiert“ werden.

Aha! Mittels Meditation werden also Meister und Erzengel in die Fläschchen „gezaubert“ und für die „Wirkungen“ muss man Sätze wie „Die Energie von Kwan Yin hilft, sich wieder dem natürlichen Fluß des Lebens hinzugeben und mit der göttlichen Ordnung in Einklang zu sein.“ oder „Die Energie von Sanat Kumara befreit von der „Last des irdischen Daseins“.“ lesen. Bei den Erzengelessenzen tun es auch kurze Spiegelstriche wie „bewußtes erkennen und verstehen auf allen Ebenen“ (Metatron – bei diesem Namen muss natürlich der passene Link zu Kalkofe kommen …) oder „unterstützt den physischen Körper wieder in Einklang zu kommen mit der ursprünglichen gesunden Schwingung, dem Idealbild des eigenen Körpers“ (Uriel).

Die absoluten Highlights findet man unter den „Integrationsessenzen“ und den „Besonderen Essenzen„.  So wird auch das Nichts zur Null-Essenz konzentriert – die Beschreibung lässt keine Fragen offen: „Die Energie der LichtWesen Null-Essenz stammt nicht von Engeln oder Aufgestiegenen Meistern sondern direkt aus dem Zentrum des Seins, der Leere, dem Alles, … . Sie aktiviert das eigene Seinszentrum, die eigene Mitte. Daher sind die Erlebnisse mit dieser Essenz sehr individuell.“ Aua! Damit man sich auch die ebenfalls angebotenen kleinen Glaskügelchen („Meisterenergiekugeln“ – 145 Euro pro Stück, mit nichts drin außer Meditationsenegie …) leisten kann dürfte die Sterntaler-Essenz das Richtige sein: „Die Sterntaler-Essenz löst energetische Blockaden, die bisher Wohlstand und Reichtum erschwert haben. Sie stärkt die Bereitschaft, Geschenke und Chancen zu erkennen und anzunehmen.“ Und das geht ganz einfach, wie man der Anwendungsbeschreibung entnehmen kann:

Einige Tropfen der Essenz ein- bis mehrmals täglich auftragen, in die Aura sprühen, in die Chakren fächeln oder in die Mundhöhle geben. Lassen Sie sich von Ihrer Intuition leiten.
Empfehlenswert sind mit der Verwendung der Essenz zwei Übungen:

  • Stellen Sie sich vor, Sie empfangen „Sterntaler“. Sie halten Ihr Hemd auf und sammeln die goldenen Taler, die vom Himmel fallen.
  • Arbeiten Sie mit positiven Sätzen oder Affirmationen zu den Themen „Reichtum, Wohlstand, Geld, Besitz“ und schauen Sie sich Ihre inneren Blockaden dazu an. Eine Möglichkeit: Arbeiten Sie mit einem positiven Satz wie: „Ich habe es verdient, viel Geld zu besitzen und in Luxus und Reichtum zu leben“ (je mehr Bauchschmerzen der positive Satz verursacht, desto mehr Blockaden holt er hoch). Schreiben Sie zuerst den positiven Satz auf und dann 2 Minuten lang alles, was hochkommt – ohne nachzudenken einfach hinschreiben. Falls nichts mehr kommt, schreiben Sie erneut den positiven Satz und lassen die inneren Sätze wieder aufs Papier fließen. Nach den 2 Minuten wenden Sie die Essenz an, atmen einige Male tief ein und bitten die geistigen Wesen, die Blockaden zu transformieren und Sie selbst mit dem Reichtum des Seins zu verbinden. „Baden“ Sie dann in Ihren Bildern vom angenehmen Wohlstand. Wiederholen Sie diese Übung.

Herrlich! Wer noch nicht genug von diesem Stoff hat, dem empfehle ich FAQs, Forum und die „Pressemeldungen“ – versteckt unter „Informationen“, rechts auf der Webseite. Eine der „häufigen Fragen“ lautet übrigens KANN SICH DURCH DIE MEISTERESSENZEN MEINE WAHRNEHMUNGSFÄHIGKEIT VERÄNDERN ? – und die Antwort ist leider ein wenig unvollständig: „Die Essenzen tragen zur Bewußtseinserweiterung bei und man kann Dinge wahrnehmen, die man früher nicht wahrgenommen hat.“ – das dürfte dann stimmen, wenn man eine der mit reinem Alkohol hergestellten Tinkturen literweise durch die Mundhöhle über das Magenchakra voll direkt in der Blutbahn energetisieren lässt.

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4 responses

20 02 2009
Elke

Weil es da so viele tolle Fläschchen gibt, von denen jeder Mensch ja möglichst viele braucht, wird die Wahl zur Qual. Wie soll man denn immer wissen, wenn man ein ganzes Sortiment besitzt, welches gerade im Moment zum Einsatz kommen soll? Für dieses Problem gibt es natürlich von der Lichtwesen AG auch eine Lösung, denn man vertreibt ein Kartenset, für jedes Fläschchen eine Karte, und weil es keinen Zufall gibt, kann man dann täglich blind eine Karte ziehen. Somit weiß man immer ganz genau,welche „Essenz“ gerade richtig und nötig ist. Falls noch Fläschchen in der Sammlung fehlen, wird man sich diese mit der Zeit besorgen müssen, um nicht ohne optimalen „Helfer“ da zu stehen.

Ich habe Leute kennengelernt, die eine regelrechte Sucht entwickelten. Kein Tag ohne Karten ziehen und kein Tag ohne Essenz. Die Anwendungsweise (in die Aura sprühen, in die Chakren fächeln oder in die Mundhöhle geben) wurde teilweise noch zusätzlich ausgependelt.

Mit Bachblüten wird in der Szene genauso verfahren. Dafür gibt es auch Kartensets und Pendeldiagramme.

20 02 2009
wahrsagercheck

Tja, das mit dem Karte ziehen fand ich auch recht lustig. Für was ein einfacher Zufallsgenerator doch so alles gut ist … … für die Firma sichert es den weiteren Absatz ihrer „Produkte“, denn für echte Esoteriker gibt es ja keinen Zufall.
Das kenne ich vom Karten legen: Eine Kartenlegerin (Profi, auch bei Questico) fragte ich mal was passieren würde wenn sie 2 Mal hintereinander für mich die Karten legen würde. Sie behauptete immerhin nicht, dass dann die selben Karten kommen würden (das könnte man ja leicht widerlegen) sondern behauptete, dass man dies nicht machen „dürfe“. Auf meine Frage warum nicht und wer denn dies verbieten würde kam nicht mehr als eine Rückfrage („Warum sollte das jemand überhaupt machen wollen? Die Karten haben doch schon geantwortet!“) und eine unwisches „Das macht man eben nicht!“.

20 02 2009
Waldemar

… “Die Energie von Sanat Kumara befreit von der “Last des irdischen Daseins”.” …

Danke für dieses wunderbare Zitat. Ist das nun ein Fall für den Staatsanwalt?

Waldemar

21 02 2009

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