Krankenkassenvoodoo und Voodookrankenkassen – eine kleine Auswertung

4 02 2014

In den Diskussionen um den Unsinn Homöopathie wird von Skeptikern immer wieder zurecht beklagt, dass diese Methode ja leider auch von vielen Krankenkassen bezahlt wird. Nun kann man atürlich einfach seine Kasse fragen, warum sie das tut – und wird die üblichen Antworten bekommen, wie man im ratgebernewsblog lesen konnte. Die Frage, ob es nicht die ein oder andere Krankenkasse gibt, die nicht für diesen Unsinn zahlt, ist dabei doch eigentlich leicht zu beantworten. Man müsste nur mal bei allen Krankenkassen nachfragen … … oder gibt es da nicht vielleicht doch irgendwo einen Überblick? Doch, gibts es, auf der Seite „Krankenkassenvergleich“ werden die Leistungen von 100 gesetzlichen Krankenkassen miteinander verglichen, man kann sich also einen richtig guten Überblick über die verschiedenen Leistungsangebote verschaffen. Auch wenn der Leistungsvergleich unter falscher Flagge segelt (Naturheilverfahren) kann man das Ganze ja mal analysieren und auswerten welcher Voodoo von irgendwelchen Krankenkassen bezahlt werden kann und welche Krankenkasse eigentlich den meisten Voodookram bezahlt.

Auf der zum Download bereitgestellten pdf-Datei finden sich die Namen von 100 Krankenkassen, von denen allerdings 12 an diesem Leistunsvergleich gar nicht teilgenommen haben. OK, vergessen wir dieses antwortfaule Dutzend und wenden uns den 88 Krankenkassen zu, die sich zu den 13 dezidiert genannten Voodooverfahren geäußert haben. Zusätzlich konnten von den Krankenkassen noch weitere Angaben gemacht werden. Dabei wurde unterschieden, ob eine der Voodooleistungen bei allen Leistungserbringern mit entsprechender Zusatzqualifikation oder nur bei einigen ausgewählten in Anspruch genommen werden kann (diese Unterscheidung habe ich für die folgende Auswertung nicht berücksichtigt).

Nun also zu den nackten Zahlen, und zur ersten Frage: Welcher Voodoo wird wie oft angeboten?
Beginnen wir mit den Exoten aus der 13er-Liste:

  • Chelattherapie (5 mal angeboten)
  • Irisdiagnostik (5)
  • Eigenbluttherapie (7)
  • Shiatsu (7)
  • Reflexzonenmassage (nicht Fußreflexzonen) (10)
  • Ayurveda (10)
  • Lichttherapie (15)

Schon in dieser Gruppe sind interessante Kandidaten dabei. So scheint die Chelattherapie eigentlich eine echte medizinische Therapie, die man aber nur bei schweren Vergiftungen mit Schwermetallen einsetzt. Ansonsten ist’s eben nicht sinnvoll und auch die Liste der Nebenwirkungen ist beeindruckend (Störung des Calciumstoffwechsels kommen mit der Folge von Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen und im Extremfall Atemstillstand; Nierenversagen; eine Schädigung des Knochenmarks), sogar Todesfälle sollen schon vorgekommen sein. Bei Irisdiagnostik, Eigenbluttherapie und Ayurveda ist die Pseudowissenschaftlichkeit Programm, zu Shiatsu sind nach dieser Seite keine positiven Studien bekannt. Bleiben die mir bisher unbekannten Methoden Lichttherapie und die Sache mit der Reflexzonenmassage (… aber nicht an den Füßen).

Weiter geht’s mit folgenden drei Klassikern:

  • TCM (20)
  • Alternative Krebstherapie (25)
  • Phytotherapie (28)

Mich hätte fast gewundert, das TCM nur bei 20 Krankenkassen im Angebot zu sein scheint, aber die beliebteste Methode stand hier gar nicht zur Auswahl, denn hier steht:

Übrigens: Akupunktur ist ist bei chronischen Rücken- und Knieschmerzen zur Regelleistung aller Kassen geworden. Weitere Akupunkturbehandlungen dürfen inzwischen aber nicht mehr übernommen werden! Und auch ganz wichtig: Gesetzliche Krankenkassen dürfen NIE Leistungen für Heilpraktiker übernehmen – nur für Ärzte mit entsprechender Zusatzausbildung!

… und nun zu den Top-Voodoomethoden und ihrer Krankenkassenverbreitung:

Der 3. Rang geht an die Anthroposophische Medizin, die 32 mal im Angebot der Krankenkassen zu finden ist, der 2. Rang geht an die Osteopathie, die sage und schreibe 69 mal im Angebot der Krankenkassen auftauchte – aber wie erwartet geht der 1. Rang an die Homöopathie (wenn auch nur knapp) mit immerhin 74 Nennungen.

Klar, die Homöopathie liegt eindeutig an der Spitze, sogar noch eindeutiger als es die nackte Zahl der Nennungen in der Vergleichstabelle aussagt. So gibt die IKK Nord die Homöopathie nur unter „Weitere“ an, und andere Krankenkassen haben irgendwie das Kreuzchen vergessen. Ich habe nämlich mal bei den 13 Krankenkassen nachgeschaut, bei denen kein Kreuzchen bei der Homöopathie zu finden war. Und das Ergebnis? Unschön! Klar, natürlich übernehmen auch die BKK Schwarzwald-Baar-Heuberg, BKK Schleswig Holstein, die AOKs aus Bayern, Hessen, Nordost, Rheinland-Pfalz/Saarland, Rheinland/Hamburg, Sachsen-Anhalt und die  BKK Freudenberg sowie die WMF BKK die Kosten für Homöopathie (zumindest teilweise – bei einigen Krankenkassen sind die Ausgaben z.B. auf 100 Euro p.a. gedeckelt). Bleiben noch drei Krankenkassen übrig, und das sind die folgenden:

SIEMAG BKK

Salus BKK

Shell BKKlive

Bei diesen drei Krankenkassen habe ich wirklich keinen Hinweis darauf gefunden, dass sie in irgendeiner Weise für Homöopathie zahlen würden …

Nun zur 2. Auswertung, der Suche nach der Voodookrankenkasse, also der Krankenkasse, die den meisten Unsinn aus der obigen Liste bezahlt. Hier die Top 7, also jene Krankenkassen, die in der Auswertung mindestens 10 der 13 angegebenen Verfahren zumindest teilweise bezahlen, wobei ich die Reihenfolge natürlich rein subjektiv festgelegt habe:

Platz 7: Barmer GEK: Außer Eigenbluttherapie, Irisdiagnostik und Shiatsu wird alles angeboten.

Platz 6: HEK – Hanseatische Krankenkasse: Sie bietet alles außer Chelattherapie und Irisdiagnostik an.

Platz 5: Brandenburgische BKK: Hier fehlt nur die Chelattherapie im Angebot, allerdings ist die Kostenübernahme auf 100 Euro p.a. für alle Alternativmittel gedeckelt.

Platz 4: Bergische Krankenkasse: Alles außer dem Reflexzonengedöns dafür aber das gesamte Hufelandverzeichnis

Platz 3 Techniker Krankenkasse: Hier fehlen mit Chelattherapie und Irisdiagnostik zwar zwei Voodoo-Angebote, dafür gibt es aber zusätzlich leckere Blutegel und eine „Ordnungstherapie“. Außerdem lässt die hier erwähnte Aktion der TK noch mehr Voodoo erahnen.

Platz 2: DAK-Gesundheit: Hier wird ja schon mal alles angeboten, und sogar ein wenig mehr. So gibt es zusätzlich Matrix-Rhythmus-Therapie, Kneippsche Verfahren, Chirotherapie, Muskelentspannung nach Jakobsen (upps – eine wirksame Methode unter den Voodoo-Angeboten … danke an Elke für den Hinweis). Die DAK kann es sich also leisten, fast jeden Mumpitz mit zu bezahlen.

Kommen wir nun zu meinem unangefochtenen Platz 1, der zweiten Krankenkasse, die nicht nur alles (also die 13 aufgelisteten Verfahren) sondern noch viel mehr anbietet: Es ist die

SECURVITA Krankenkasse

Nicht nur bietet diese – wie auch die Bergische KK – noch den gesamten Katalog aus dem Hufelandverzeichnis an, nein, sie geht sogar noch darüber hinaus und bezahlt (man muss sich das mal bildlich vorstellen) außerdem auch für (es ist wirklich unfaßbar) EIGENHARNTHERAPIE!

Darf ich also nach dem Besuch eines entsprechend verblödeten Arztes tatsächlich das Pipimachen mit der Krankenkasse abrechnen, wenn ich bei dieser Krankenkasse versichert bin?

Vielleicht frage ich ja mal bei der SIEMAG BKK nach ob ich so einfach zu denen wechseln kann – immerhin sind die Superkids auf der Webseite ‚mal eine etwas andere Werbung für eine Krankenkasse. Und wenn die mir bestätigen, dass sie bestenfalls für ganz wenig Voodoo … … dann würde ich meine Krankenkassenbeiträge viel lieber entrichten.


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15 responses

4 02 2014
Elke

Danke Michael, für die tolle Recherche!

Nur eine kleine Anmerkung: „Muskelentspannung nach Jakobsen“, ist ausnahmsweise kein Voodoo.

4 02 2014
wahrsagercheck

Hallo Elke,

Danke für den Hinweis, habe es nur aus der Tabelle herauskopiert – und da es ja die Voodoo-Tabelle war …

4 02 2014
BKK VBU und Homöopathie: “Wir bieten gerne Alternativen in der medizinischen Versorgung an” | Ratgeber-News-Blog

[…] Welche Krankenkasse zahlt was?: Krankenkassenvoodoo und Voodookrankenkassen – eine kleine Auswertung […]

4 02 2014
Elke

Klar, denen ist es ja sowieso egal was dahinter steckt.

5 02 2014
Stephan

Schöner Beitrag, danke dafür. Es hat sich also seit Ende 2011 nicht viel verändert.
Ich habe Cornelius Courts damals auch schon die SECURVITA Krankenkasse empfohlen und DAK und TK:
http://scienceblogs.de/bloodnacid/2011/12/14/kann-mir-jemand-eine-esoterikfreie-krankenkasse-empfehlen/
siehe Kommentare #4, 6 und 15.
Viele Grüße
Stephan

26 03 2014
micha

an Stefan oder an wen auch immer, der sich so viel Mühe und kostbare Zeit für den Krankenkassen- Vergleich nahm. soviel Idealismus kann ich mir nicht leisten, denn ich muss leider von meiner Arbeit leben.
aber danke nochmal für die wunderbare Übersicht über die Leistungen der Krankenkassen mit oder ohne Hufeland- Liste.
aber wichtiger wäre der Vergleich welche Krankenkasse Zusatzbeiträge erheben muss, weil die eben deutsche Ärzte nicht richtig diagnostizieren können. und weil sie mit Allopathie Dauertherapie betrieben und keine Heilung sich leisten können.

26 03 2014
wahrsagercheck

@micha
Ich weiß zwar nicht, wer Stefan ist, aber einen Vergleich der Zusatzbeiträge gibt es hier:
http://www.1a.net/versicherung/gesetzliche-krankenversicherung/liste

4 11 2014
14 11 2014
Pete

Die SIEMAG BKK ist z. B. eine Krankenkasse mittlerer Größe – die sollte man echt unterstützen. Die werben auch damit, persönlich für die Kunden da zu sein. Scheint, als gäbe es tatsächlich noch Idealisten – ich glaube, die müssen unterstützt werden!

19 11 2014
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Krankenkassenvoodoo und Voodookrankenkassen – eine kleine Auswertung | Wahrsagerchecks Blog

4 12 2014
Timo

Auszug von der Siemag BKK-Webseite

„Osteopathie:
Die Leistung eines qualifizierten Osteopathen bezuschussen wir bis zu sechs mal im Jahr.“

Allerdings nur im Premium-Paket, was immer das bedeutet…

4 12 2014
Timo

Naja, Osteopathie bieten die anderen beiden auch. Ich glaube, dir ging es nur darum, dass diese drei keine Homöopathie anbieten, oder?

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Skeptischer & Pastafarianischer Jahresrückblick 2014 1/5: Chaos | FSMoSophica

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8 04 2015
Homöopathie-freie Krankenkasse gesucht! | Christian Buggischs Blog

[…] wird das Bild übrigens immer finsterer. Fast alle bieten irgendwelches Geschwurbel an. Der Wahrsagercheck kam bei seinen Recherchen vor etwa einem Jahr zu dem Ergebnis, dass überhaupt nur drei […]

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